Das umgestürzte Automobil.
Wir wurden dadurch nicht besonders beunruhigt. Aber während dieser Überfahrten empfindet man stets ein undefinierbares Gefühl banger Erwartung und faßt die Geisteskräfte zusammen; man verfolgt aufmerksam den Gang der Maschine; man bietet die ganze Kraft seines Denkens auf, als wolle man die Energie des Geistes zu der Arbeit der Materie hinzufügen, um mit der mächtigen Willensspannung zu helfen, zu stützen, zu schieben, zu leiten. Ich erinnere mich nicht, daß wir in solchen Augenblicken je ein Wort gewechselt hätten.
Der vordere Teil des Automobils war schon über die Hälfte der Brücke gekommen und näherte sich dem grasbewachsenen Rande der Straße. Die Gefahr schien vorüber. Mit einem Male hörten wir ein fürchterliches Krachen! Die Fahrbahn hatte unter dem Gewicht des hinteren Teiles der Maschine nachgegeben, sie brach und splitterte auseinander; die ganze Brücke öffnete sich und stürzte zusammen. Dieser sich plötzlich auftuende Schlund erschien uns, die wir uns in der Mitte befanden, in diesem Moment so breit und tief wie ein Abgrund.
Der Motor schwieg. Das Fahrzeug wich in demselben Augenblick, in dem es zum Stehen kam, mit einer plötzlichen, schweren Bewegung zurück und schlug mit seinem unteren Teile auf die Reste der Fahrbahn auf. Dann erhob es in unaufhörlicher Bewegung, die uns nicht zum Nachdenken und zur Besinnung kommen ließ, die Vorderräder in die Luft, während es mit dem hinteren Teile versank und in einer fürchterlichen Pendelschwenkung eine senkrechte Stellung annahm. So stürzte das Automobil in den Fluß hinab bis auf den Grund und riß uns alle mit sich unter dem fürchterlichen Getöse von zersplitterten, geborstenen, losgerissenen Brettern und Balken. Als der Wagen in das Wasser des Flusses eintauchte, blieb er nicht stehen. Er setzte seine Kreisbewegung fort und stürzte nach hinten, um auf den Rücken zu fallen, bis ihn ein Balken aufhielt. Er blieb rücklings liegen, mit den Rädern nach oben, den Rücken gegen den Grund gekehrt; kaum daß die Laternen und der Kühler aus den Trümmern der Brücke über die Reste der zerbrochenen Balken und Bretter hervorragten. All dies war das Werk weniger Sekunden. Das Automobil hatte mit der Langsamkeit eines Dickhäuters eine Art Saltomortale nach rückwärts ausgeführt.
Erst später bekamen wir eine klare Vorstellung von dem Vorgefallenen. Im Augenblicke des Sturzes selbst konnten wir nur undeutlich sehen; alle unsere Geisteskräfte waren auf uns selbst gerichtet; das Beobachtungsfeld beschränkte sich auf unsere unmittelbare Nähe; jeder von uns hatte sein eigenes Abenteuer, seinen eigenen Kampf, sein eigenes Ringen mit der Gefahr zu bestehen. Später erstatteten wir uns gegenseitig Bericht. Ich bewahre lebhafter die Erinnerung an das Gefühlte als an das Gesehene. Mit größerer Anschaulichkeit rufe ich mir das, was in mir vorging, in das Gedächtnis zurück als das, was sich um mich herum abspielte. Ich hatte rittlings auf dem Gepäck gesessen; mein Sturz war also der tiefste. Als ich das erste Krachen hörte, glaubte ich nur an ein teilweises Einbrechen des Automobils, an ein Einklemmen der Räder in die Risse eines zersprungenen Brettes, und an eine lästige und ermüdende Panne denkend, rief ich:
„Na, da haben wir’s!“
Einen Augenblick später befand ich mich unter der Brücke, in einem plötzlichen, unheilverkündenden Halbdunkel, angeklammert an die Seile, mit denen das Gepäck verschnürt war. Das Automobil sank immer tiefer und zerbrach das Holz. Ich hatte den Eindruck, als würde ich niemals den Boden erreichen. Ich ließ mich mitziehen, zusammengekrümmt unter einem Hagel von Brettern, die mich von hinten trafen, mir auf die Schultern fielen, die mit einem immer mehr wachsenden, unaufhörlich krachenden Getöse zusammenstürzten. Ich erinnere mich, nicht ohne Befriedigung festgestellt zu haben, daß ich keinen heftigen Schmerz empfand, und mehrmals hatte ich gedacht: „Bis jetzt geht alles gut!“ Ich hielt uns schon für gerettet, als ich sah, daß die mächtige Rückseite des Automobils, die noch aus dem Wasser emporragte, sich langsam nach hinten bewegte. Das Gehäuse des Ölbehälters, der sich unter den Füßen des Führers befindet, hing jetzt senkrecht über meinem Kopfe und übergoß mich mit Fluten heißen Öles. Ich wurde ganz naß und fühlte das Öl über mein Gesicht rinnen. In diesem Augenblick bemerkte ich, daß die beiden Sitze, die der Fürst und Ettore einen Augenblick zuvor noch eingenommen hatten, leer waren.
Unter der Gefahr, zerquetscht zu werden, suchte ich mich freizumachen. Allein es war mir unmöglich; ich fand mich zwischen dem Gepäck und den heruntergestürzten Brettern eingeklemmt. Vergebens spannte ich alle meine Kräfte an, mich der Gefahr zu entziehen. Zum Glück hatte ein rettender Balken das Automobil in seiner langsamen Kreisbewegung aufgehalten. Ich hörte oben die Stimme des Fürsten schmerzerfüllt aufschreien. Ich erblickte seine gestiefelten Beine, die sich verzweifelt über mir hin und her bewegten und ebenfalls von Öl trieften. Mit einem Male schwieg er. Zur selben Zeit erschien Ettore an meiner Seite und rief mir zu:
„Kommen Sie hier heraus!“
„Ich kann nicht!“ erwiderte ich.