Wir verweilten in dieser Gesellschaft von modernen Freimaurern, die die Welt durchstreifen, um Eisenbahnen zu bauen, wie ihre Vorgänger vor 600 Jahren Europa durchstreiften, um Kirchen zu bauen. Dann gingen wir ins Theater, um — zu schlafen.

Im Theater zu schlafen ist eine ziemlich verbreitete Sitte, aber während der Vorstellung! Für uns war es anders. Das kleine hölzerne Theater von Tanchoi befand sich in einer Ruheperiode, und die Polizei hatte in Ermangelung eines Gasthofes drei Betten auf die Bühne stellen lassen, in denen wir schlafen sollten. Das Theater war elektrisch beleuchtet und für eine demnächst stattfindende Dilettantenvorstellung von Eisenbahnbeamten geschmückt. Der Vorhang war aufgezogen, die elektrischen Batterien überströmten uns mit einer Flut von Licht — eine Stunde lang mühten wir uns ab, den Ausschalter zu suchen. Mitten in all diesem Glanze sah es aus, als ob wir drei, die wir uns auszogen und uns seufzend und stöhnend über unsere Quetschungen, die bei jeder Bewegung schmerzten, zu Bett legten, ein Stück aus dem Stegreif spielten!

Draußen schritten bewaffnete Schildwachen auf und ab. Tanchoi wachte, als ob man für jene Nacht einen Angriff der „Leute von Sachalin“ befürchtete.

Vierzehntes Kapitel.

Im Gouvernement Irkutsk.

Überfahrt über den Baikalsee. — Am Ufer der Angara. — Irkutsk. — Blühende Felder. — Auf den Flüssen. — Die Sträflinge. — Sima. — Automobile und Telegas. — Die alten Etappenstationen. — Nischne-Udinsk. — Telegrammschwierigkeiten.

Die Genehmigung zur Überfahrt über den Baikalsee auf einem der staatlichen Trajektboote wurde uns telegraphisch erteilt. Am 1. Juli, 3 Uhr nachmittags, schifften wir uns auf dem großen Eisbrecherdampfer „Baikal“ ein. Es regnete fortwährend. Tanchoi verschwand beinahe in dem grauen Dunste. Von dem Verdeck des Schiffes aus sahen wir die hohe, aus Balken errichtete Werft, die weißen Leuchttürme, die gewaltigen Maschinen, die den Zweck haben, die Verbindung der Schiffe mit dem Ufer herzustellen und die Schienen des weiten Laderaums an die der Eisenbahn anzuschließen, die neuen Dächer der Kasernen und der Amtsgebäude, von den hohen Antennen einer Funkentelegraphenstation wie von den Masten eines Schiffes überragt; all dies entfernte sich und verblaßte. Den gesetzlichen Vorschriften gemäß hatten wir die photographischen Apparate in dem Gepäckballen untergebracht. Wir waren darauf aufmerksam gemacht worden, daß es verboten sei, Bilder von militärischen Gebäuden, von Hafenanlagen, von Schiffen, von Eisenbahnbrücken und Eisenbahnarbeiten und andern Dingen, die doch jedermann sehen kann, aufzunehmen.

Ein seltsames Land, in dem die Photographie verboten und das Tragen von Feuerwaffen gestattet ist! Vom Kriege her ist eine Art Spionenfurcht zurückgeblieben. Man erzählte sich haarsträubende Geschichten von japanischen Spionen, die eine wahrhaft phantastische Verkleidungsgabe besäßen. Sogar uns ist es begegnet, uns mit unserer Gestalt und unseren Gesichtszügen, daß wir von Muschiks, die es uns ganz offen sagten, für japanische Spione gehalten wurden!