Der übliche Empfang auf den sibirischen Straßen.
Einmal begegneten wir einer Postkutsche, einem großen Tarantaß, in dem alle, Reisende und Kutscher, den Schlaf des Gerechten schliefen. Die drei Pferde faßten in ihrem Schreck einmütig den Entschluß, kurzerhand umzukehren. Niemand wachte auf. Wir überholten den Tarantaß ohne Zwischenfall; nach einigen Kilometern sahen wir ihn von der Höhe eines Hügels aus wieder, wie er fortfuhr, den bereits zurückgelegten Weg noch einmal zu machen. Wir konnten uns des Lachens nicht erwehren, als wir an die Überraschung der Reisenden und des Kutschers dachten, wenn sie sich beim Erwachen nach einer so langen Fahrt auf derselben Poststation wiederfinden würden, von der sie abgereist waren.
Ausbooten am Ufer eines sibirischen Flusses.
Oft versperrten große Herden von Rindern oder Pferden die Straße, und wir mußten warten, bis alle Tiere vorbei waren. Sie waren mißtrauisch, ängstlich und zögerten, angetrieben von dem Stachelstocke der Hirten, die hin und her galoppierten, um ein Tier, das fliehen wollte, zurückzuscheuchen. Es fehlte uns also auf dieser Fahrt nicht an Abwechslung. Viele Kilometer weit befanden wir uns zwischen einsamen, nach Harz duftenden Gehölzen. Wir glaubten in den Alleen eines unermeßlichen Parkes dahinzufahren; alles stand in Blüte, und die Wiesen und Waldblößen luden in ihren schweigenden Schatten ein. Wenn wir aber von fern ein Tal bemerkten, so waren wir sicher, ein Dorf in ihm anzutreffen.
Die Dörfer flüchten sich in die Täler, um Schutz vor den stürmischen Winden zu suchen, die von den eisigen Tundren im Norden kommen, und um Wasser zu haben. Die Isbas drängen sich an klaren Bächen zusammen, an deren Ufern riesige Herden von Gänsen schnattern, die dazu bestimmt sind, in gefrorenem Zustande auf die großen Wintermärkte in Rußland verschickt zu werden. Am Ein- und Ausgange des Ortes erhebt sich ein schwarz und weiß gestreifter Pfahl mit einer Tafel, auf der der Name des Ortes, die Entfernung bis zum nächsten Dorf, die Zahl der Feuerstellen und der Einwohner angegeben sind — kurz, ein förmlicher statistischer Auszug zur Bequemlichkeit der Beamten, die herkommen, Steuern einzukassieren oder Soldaten auszuheben. Eine Tafel zeigt die Wohnung des Starosten an, eine andere das „Semstwoskaja Dom“, das heißt das Gebäude, in dem die Beamten das Recht zu wohnen haben. Es liegt in all diesem ein militärischer Zug; es hat den Anschein, als gehörten all diese Häuser zu einem Regimente, als seien sie gezählt, in Reih und Glied gestellt, und müßten wie die Zelte eines Lagers stets gewärtig sein, auf den ersten Befehl von oben abgebrochen und anderwärts wieder aufgebaut zu werden. Man möchte sagen, nicht die Notwendigkeit, sondern ein Befehl habe sie erstehen lassen. Die Dörfer befinden sich in nahezu gleichen Abständen von 20 zu 20 Kilometern und machen den Eindruck großer Vorpostenstellungen, die über den Moskowskij Trakt verteilt sind. In der Tat sind sie an erster Stelle Etappen, und dann erst Dörfer.
Bis vor wenigen Jahren, bevor die Eisenbahn Sibirien durchquerte, bezeichneten sie die Tagemärsche der Deportierten, die jetzt der Zug in Gefängniswagen mit vergitterten Fenstern befördert. Am Ende jedes Dorfes befindet sich noch die Etappenstation der aus dem Vaterlande Ausgewiesenen. Es ist ein großes, niedriges, quadratisches Holzhaus mit unzugänglichen, mit festen Eisenstäben verwahrten Fenstern, das in einem von einer Einfriedigung umschlossenen Hofe liegt. In dem Hofe erheben sich einige wenige Gebäude, eine Schmiede vielleicht, ein Bureau, ein Schlafsaal für die Soldaten; ringsumher Schilderhäuser für die Wachtposten. Jetzt sind die Türen mit Brettern vernagelt, niemand darf hinein, alles zerfällt. Diese leeren, aus den Fugen gehenden Häuser machen einen unheimlichen, geisterhaften Eindruck. Sie scheinen nicht nur verlassen, sondern sogar gemieden. Es ist unmöglich, sie ohne Bewegung zu betrachten. Sie sind entstanden, um den Schmerz zu beherbergen, und man fragt sich, ob von all den körperlichen und seelischen Qualen, die so lange Jahre hindurch in diesen Räumen geweilt haben, nichts übriggeblieben sei, ob nicht das Gefühl der Trauer und des Widerwillens, das man empfindet, wenn man in ihrer Nähe vorbeikommt, von einem noch lebendigen Kummer, der in der Luft liegt, herrühre, von einer geheimnisvollen Ausströmung der Klagen, von einem verhallenden Echo von Worten der Verzweiflung, das die Dinge um uns wiedergeben und das die Seele empfindet.
Jedes an einem Bache gelegene Dorf bot uns eine Brücke zum Hinüberfahren, natürlich eine Holzbrücke. Nach unserem Sturze hatten wir vor den Brücken insgesamt einen heiligen Respekt. Wir suchten mit der größtmöglichen Geschwindigkeit über sie hinwegzukommen, nicht sowohl aus Furcht, sie unter uns zusammenbrechen zu sehen, als um das Krachen der Bretter nicht hören zu müssen. Es war in uns eine unbesiegliche Abneigung gegen das Geräusch zerbrechenden Holzes zurückgeblieben, eine rein physische Empfindung, eine instinktive Erinnerung. Das Krachen eines Holzstückes unter den Rädern hatte auf uns die Wirkung eines Alarmsignals; die Gedanken mochten anderwärts weilen und auch fortfahren, dort zu bleiben, aber der Körper fuhr auf und machte sich zur Abwehr bereit! Und auf den Brücken, namentlich den großen und hohen, die über tiefe Schluchten, reißende Ströme und Abgründe hinwegführten, empfanden wir eine seltsame Genugtuung, ein negatives Vergnügen sozusagen, das wir jedesmal durch eine beinahe unwillkürliche Bemerkung ausdrückten: das Vergnügen, nicht hinabzustürzen. Wir sagten:
„Wenn diese Brücke aus den Fugen gegangen wäre, wir würden nichts mehr davon erzählen können! Wir würden zerschmettert sein!“