Wir erblickten in jener atmosphärischen Erscheinung eine Art Kampf zwischen der Sonne und dem Nebel. Bald hatte der eine die Oberhand, bald die andere. Wir ergriffen natürlich für die Sonne Partei. Ettore bemitleidete sie:

„Die Ärmste, sie tut, was sie kann!“

Aber die Sonne wurde schmählich geschlagen. Sie suchte ihr Heil in der Flucht, und wir bekamen sie nicht mehr zu sehen. Der Nebel stieg, um in Form von Regen wieder herabzufallen, und den ganzen Tag über wurden wir von Wasser, Wind, Kälte und Schmutz gepeinigt. Die Straßen waren nicht so gut wie die in der Nähe von Irkutsk. Wir waren einige Male gezwungen, auf das Grün der Wiesen auszubiegen, um Löchern, tiefen Wasserlachen oder verdächtig aussehenden sumpfigen Stellen aus dem Wege zu gehen. Wir begegneten niemand mehr. Die Gegend wurde immer öder. Die Felder und Wiesen räumten ihren Platz den Bäumen. Wir betraten das Gebiet der „Taiga“, des endlosen sibirischen Waldes. Um 9 Uhr früh rollten wir bereits in seinem unheimlichen Halbdunkel dahin.

Die Straße ist eine durch den Wald gehauene Schneise. Die Menschen haben sich einen Weg gebahnt, aber auf lange Strecken ist der Wald zur Rechten wie zur Linken undurchdringlich. Die Region der Taiga erstreckt sich bis an die Steppen der Tundren; sie ist ausgedehnt wie ein Kaiserreich; in dem größten Teile dieser Welt der grünen Baumriesen hat sich die Menschheit mit Mühe nur das Durchgangsrecht erobern können. Wir fuhren viele Dutzende von Kilometern inmitten der überwältigenden düsteren Menge von Tannen, hundertjährigen Kiefern und weißstämmigen Birken. Während wir die Anhöhen hinauffuhren, hatten wir zuweilen einen Ausblick auf die endlose Waldfläche. In uns stieg das peinigende Gefühl der Einsamkeit auf, das uns beklemmte, weil sie, eingeengt durch jene unermeßliche schattige Schranke, die sich zu beiden Seiten von uns erhob, infolge des Dämmerlichtes, das sich von dem mit schweren Wolken bedeckten Himmel herabsenkte, noch düsterer und grauenerregender wirkte.

Blicke in die Taiga.

Jenes zahllose Volk von Bäumen schien zu leben und sich schweigend zu verteidigen, es schien den Willen zu haben, uns einzuschließen und zurückzuhalten. An den Windungen der Straße schlossen sich die Bäume vor uns und hinter uns zusammen, als rückten sie unmerklich vor, als versperrten sie uns den Weg und verlegten uns jeden Rückzug. Man hätte sagen können, sie bewegten sich, sobald wir sie nicht beobachteten. Immer wieder verlor sich der Weg im Dickicht; es war, als sei er von diesem verschlungen. Die rötlichen, gerade aufsteigenden, riesenhohen Stämme der Kiefern waren erhaben wie Säulen. Dichte, urwaldähnlich verschlungene Gebüsche drangen bis an den Saum der Straße vor und bildeten lange, undurchdringliche Gehege, die die jungfräuliche Majestät des Waldes beschützten. An einer Stelle sprang ein großer Wolf, durch das rasche Nahen des Automobils überrascht, in eilendem Laufe quer über den Weg; wir störten das Urwaldsleben der Taiga.

Mitunter wurde der Wald lichter, wir stießen auf Blößen, dann auf Wiesen und in den Tälern auf einsame Dörfer, deren Bewohner im und vom Walde leben, umgeben von unermeßlichen Holzstößen, die vielleicht für den Eisenbahnbau bestimmt sind. Es waren Dörfer von häßlichem Aussehen; sie schienen zufrieden, daß sie nichts von der Welt wissen und ihre eigene Welt sind, und waren bewohnt von blonden Holzhauern von athletischem Körperbau. Diese Menschen sind Freunde und Feinde der Taiga; sie lieben und bekämpfen sie, strecken ihre riesenhaften Stämme zu Boden und glauben an die poetischsten Waldmärchen; die Bäume sind ihre Gefährten und ihre Opfer. In der Nähe der Isbas reihen sich, die Deichseln wie zwei Arme emporgereckt, riesige Wagen aneinander, die zum Fortschaffen der Stämme dienen, und ringsherum weiden Pferde, die vor dem Automobil scheuen und in langen Galoppsprüngen davonstürmen.

Eine Überraschung wartete unser. Mit einem Male erblickten wir zwischen den Zweigen die Telegraphenpfähle, und bald darauf befanden wir uns wieder dicht an der Eisenbahn. Ein langgedehntes Pfeifen erscholl, und ein Zug holte uns mit lautem Keuchen ein. Einige Minuten lang fuhren wir Seite an Seite mit dem Zuge. Aus den Fenstern grüßten uns die Reisenden und riefen uns Abschiedsworte zu. Aber bald entfernte uns unser Pfad wieder von der Eisenbahn, und wir befanden uns von neuem in tiefer, unberührter Stille. Es war für uns eine flüchtige Berührung mit der Welt gewesen inmitten jener Waldeinsamkeit; die Menschheit hatte uns in dem Schweigen des Waldes einen kurzen Ermutigungsruf zukommen lassen.