Alter sibirischer Starost.
Im nächsten Augenblick befand sich ganz Bolschaja unter den Waffen; die Bauern versammelten sich am Flußufer, mit Äxten, Stricken, Eimern, Spaten ausgerüstet. Hinter den doppelten Scheiben des Fensters beobachteten wir mit Neugier dieses Leben und Treiben; die Anwesenheit der Eimer befremdete uns. Der Starost befehligte die Arbeit, und bald begriffen wir seinen Plan und damit auch den Zweck der Eimer. Man wollte das gesunkene Boot heben, von dem eine Spitze aus dem Wasser hervorragte. Einige Männer stiegen in den Fluß und befestigten die Stricke an dem Fahrzeug; auf diese Weise konnte es mit leichter Mühe in die Nähe des Ufers gezogen werden. Dann entleerte man es mittels der Eimer und machte es wieder flott. Die Arbeit dauerte einige Stunden. Rasch wurden dann Bretter und Balken nach dem Ufer gebracht und mit der außerordentlichen Geschicklichkeit, welche die Muschiks für Holzarbeiten besitzen, bauten sie in kurzer Zeit eine feste Landungsbrücke.
Als alles fertig war, kamen wir eiligst heran. Das Automobil wurde angeseilt und auf das Fährboot gezogen, und dieses begann seine Fahrt, von den im Wasser stehenden Männern geschleppt, gestoßen und begleitet. Das an ihm befestigte Seil war auf das andere Ufer geworfen worden, wo eine große Schar von Männern daran zog. Auch die Ausschiffung ging leicht vonstatten. Das Automobil wurde wie ein Triumphwagen von der von Wasser und Schweiß triefenden, aber mit ihrem Erfolge zufriedenen Menge an das Ufer gezogen.
Nachdem wir unter die wackeren Bewohner von Bolschaja eine entsprechende Belohnung verteilt hatten, setzten wir um die Mittagszeit unsere Reise unter herzlichen Abschiedsrufen fort. Die Straße wurde etwas besser. Streckenweise begannen wir auf Steppengebiet zu stoßen. Um 3 Uhr kam Atschinsk in Sicht, das 200 Kilometer von Krasnojarsk entfernt ist.
Atschinsk taucht vor dem, der von Osten kommt, mit einem Male auf und bietet einen ungemein malerischen Anblick dar. Man fährt durch Birkenwäldchen, dann senkt sich die Straße, und in der Vertiefung entdeckt man zwischen Bäumen die Kuppeln und Glockentürme der Stadt, bald darauf auch die kleinen weißen Häuser, deren Dächer gegen einen großen Fluß, den Tschulym, geneigt sind, jenseits dessen sich eine unermeßliche Ebene im Dunste der Ferne verliert.
Vor den Toren von Atschinsk hatte sich eine Anzahl Bürger versammelt, die uns ankommen sehen wollten. Sie hatten ihre Tarantasse unter die Bäume gestellt und erwarteten uns am Rande des Weges. Ein Polizeioffizier machte uns Zeichen durch Wehen mit dem Taschentuche. Als er uns halten sah und fürchtete, daß er sich uns mit Worten nicht verständlich machen könne, begann er eifrig mit ausdrucksvollen Gesten das Essen, Trinken und Schlafen anzudeuten, mit einer Mimik, die die Umstehenden sehr zu belustigen schien. Wir baten den Offizier, auf dem Automobil Platz zu nehmen und uns an den Ort zu geleiten, wo man essen, trinken und schlafen könne. Er schien sehr erstaunt zu sein, als er sich russisch anreden hörte.
Das Gerücht von unserer Ankunft hatte sich in ganz Atschinsk verbreitet. Die Leute standen am Fenster und liefen aus den Läden. Wir kamen an niedrigen Gebäuden vorüber, die mit festen Gittern versehen und von Schildwachen umgeben waren; es waren die bekannten Gefängnisse. Auch hierher war die große Nachricht gedrungen. Die Sträflinge erwarteten uns. Hinter den Fenstern drängten sich die geschorenen Köpfe einer über dem andern, so daß sie wie übereinandergeschichtet erschienen; Dutzende von Händen umklammerten krampfhaft die Eisenstäbe, und auch im Halbdunkel des Innern war ein Aufleuchten gieriger Blicke zu bemerken.