Wir wohnten in einer elenden Herberge aus Holz, die sich den stolzen Titel „Hotel“ gab. Es war der beste Gasthof der Stadt. In der Nacht kamen Männer und klopften an die Tür. Niemand öffnete, weil sich in der Herberge niemand befand als wir. Ein junger Mann war spät abends von draußen gekommen, um uns das Essen zu bringen, und war dann wieder gegangen. Die Männer schrien, sie wollten ins Haus, und sie kamen auch hinein; beim Scheine einer Kerze drangen sie in unsere Zimmer und verlangten gebieterisch eine Schlafstätte. Es waren Kaufleute, in Pelze gehüllt und mit Straßenschmutz bespritzt, die von irgendwoher gekommen waren.

Es gelang uns aber, sie zu bewegen, ihr Heil anderwärts zu versuchen, und lärmend entfernten sie sich wieder. Um 3 Uhr früh erschien der junge Mensch mit einem angezündeten Samowar für unseren Tee. Dieser Gasthof — wenn ich mich recht entsinne, nannte er sich „Hôtel d’Europe“ — hatte sicherlich die sonderbarste Art der Bedienung, eine Bedienung, die außerhalb des Hauses wohnte. Wenn uns die Polizei nicht hergeführt hätte, so hätten wir glauben können, wir seien in einen Hinterhalt geraten.

Um 3½ Uhr brachen wir schon wieder auf. Unsere Morgentoilette war bald gemacht, da wir in den kleinen Städten angekleidet zu Bett gehen mußten; in unsere Pelze gehüllt, lagen wir in den leeren Bettstellen, mit einem Sacke als Kopfkissen. Wir beeilten uns, die Waschungen auf dem Hofe unter großem Wasserverbrauch vorzunehmen, zur Überraschung der Sibirier, die sich unter einer Art Tropfenzähler zu waschen pflegen, der in einer halben Stunde ein Glas Wasser von sich gibt. Die Muschiks nehmen, wenn sie einmal Lust haben sich zu waschen, den Mund voll Wasser, um es zu erwärmen, spucken dann ein wenig davon auf die hohle Hand und reinigen sich damit das Gesicht.

Der Polizeikommandant, bei dem wir am Abend den Tee eingenommen hatten, hatte uns mitgeteilt, daß außer den Räubern, an die wir uns schon gewöhnt hatten, noch eine andere Gefahr zu fürchten sei: die Sümpfe. Wir müßten sorgfältig achtgeben, um die richtige Straße nach Mariinsk einzuschlagen, wo wir am nächsten Tage, 9. Juli, übernachten wollten, und uns nicht in den mäandrischen Sümpfen der Ebene des Tschulym zu verirren. Um dieses Unglück zu verhüten, bot er einen Führer in der Person seines Leutnants an, der uns auf die richtige Straße geleiten sollte. In der Tat fuhr der Leutnant am Morgen in einem von zwei prächtigen Pferden gezogenen Tarantaß uns voraus.

Der Himmel war regnerisch; es war kalt. Unterhalb der Stadt setzten wir über den Tschulym auf einem der üblichen sibirischen Fährboote, das aus einer von zwei Booten getragenen Plattform bestand und einem breiten Flosse glich, und fuhren dann, belästigt von wahren Wolken von Insekten, über die niedrige, grasbewachsene Ebene, die hier und da mit Binsen bedeckt ist, den Anzeichen sumpfigen Bodens. Der Weg war morastig, aber nicht schwierig. Es behagte uns nicht, langsam hinter dem Tarantaß herzufahren, und wir standen schon im Begriff, ihn zu überholen und uns von dem bärtigen Offizier, unserem Führer, zu verabschieden, fest davon überzeugt, den Sümpfen des Tschulym sehr wohl die Stirn bieten zu können, nachdem wir über die des Chara-gol triumphiert hatten, als das Automobil plötzlich anhielt und sich nach einer Seite neigte.

Wir waren steckengeblieben. Die Sümpfe des Tschulym forderten gebieterisch unsere Aufmerksamkeit.

Sechzehntes Kapitel.

Das gelehrte Tomsk.

Auf dem Wege nach Mariinsk. — Im Morast. — Unsere Freunde die Muschiks. — In Rucken und Stößen. — Entmutigung. — Das „große Tier“. — Im Gebüsch steckengeblieben. — Tomsk. — Nach Kolywan. — Der Ob und seine Sümpfe. — Kolywan.