Das Automobil war mit den Hinterrädern eingesunken. Ettore, der am Steuer saß, bemerkte bedauernd:

„Wenn ich rascher gefahren wäre, wäre ich vielleicht darüber hinweggekommen.“

Überzeugt, daß die Schuld auf seiner Seite läge, wollte er sich ohne Hilfe befreien, indem er den Motor in heftigen Rucken antrieb, bald vorwärts, bald rückwärts. Aber die Räder glitten aus, drehten sich in den Löchern und wühlten sich tiefer ein, so daß uns, die wir zu schieben versuchten, Spritzer schwarzen Schlammes auf den Rücken und ins Gesicht flogen.

„Es ist nutzlos! Wir brauchen Hilfe!“ rief Don Scipione.

Der Offizier ließ den Tarantaß wenden und jagte der Stadt zu, um Leute und Balken zu suchen. Eine Stunde später langten Gendarmen an, Soldaten, alle bewaffnet, die von einer Wachabteilung hergeschickt worden waren; sie wurden von einem hünenhaften, bärtigen Sergeanten befehligt, der aussah wie ein napoleonischer Sappeur. Es kamen auch Schiffer vom Tschulym mit Brettern. Es bedurfte zweier voller Stunden, bis die schwere Arbeit glückte, die Maschine zu heben und aus dem Sumpfe zu ziehen.

Wieviel verschiedene Menschen hatten wir schon an dem Automobil arbeiten, es schieben, ziehen, heben gesehen! Wieviel Sprachen hatten dieselben Gedanken im Keuchen der Anstrengung ausgedrückt, wieviel Wille hatte sich mit dem unseren vereinigt! Die Schar jener russischen Soldaten mit den charakteristischen großen Kapuzenmänteln, die wie Mönchskutten aussahen, mit den gewohnten flachen Mützen, mit den hohen, plumpen Stiefeln, den Patronentaschen am Gürtel, den langen Säbel an der Seite, alle rings um die große, graue Maschine beschäftigt, gehorsam dem Befehle des riesenhaften Sergeanten, gegen die Speichen der Räder gestemmt: diese Schar machte einen kriegerischen Eindruck. Man konnte an eine Schlachtepisode, an die Rettung einer seltsamen Kanone denken!

Wir durchquerten hierauf die weite Ebene ohne weitere Zwischenfälle und gelangten in endloses, wellenförmiges Gelände mit bald kahlen, bald waldigen Hügeln. Je weiter wir kamen, desto weniger fahrbar war die Straße: überall gab es Löcher, Furchen, Gräben. Wir wählten daher bald den einen, bald den andern Feldweg, infolge der beständigen Selbsttäuschung des Menschen, daß die Stelle, an der er sich nicht befindet, die bessere sei. Wahrscheinlich entspringt der Neid aus dieser Täuschung. Mitunter verloren wir den Weg und mußten bis zum letzten Dorfe zurückkehren, um ihn wiederzufinden. Immer hielt uns die Hoffnung aufrecht, im nächsten Augenblick auf jene vortreffliche Heerstraße zu gelangen, die sämtliche Landkarten uns verhießen und die zu suchen wir herb enttäuscht 2000 Kilometer durchfuhren. Je länger wir sie vergebens suchten, für desto näher hielten wir sie; in der großen Entfernung, die wir zurückgelegt hatten, ohne auf sie zu stoßen, erblickten wir einen unwiderleglichen Beweis für ihre unmittelbare Nähe.

Eine Panne auf einer sibirischen Straße.

Die Landschaft nahm den Charakter ermüdender Eintönigkeit an, überall Steppe mit Gruppen von Blumen und Birken und kleinen Sümpfen. An einer blumenreichen Stelle mußten wir anhalten, um eine Pneumatik zu wechseln, wobei sich einige Muschiks um uns versammelten, die mit ihren Telegas vorüberkamen. Sie wohnten der Verrichtung mit großem Interesse bei, befühlten den Gummi, sprachen untereinander, befühlten ihn wieder; das Aufblasen mittels der Luftpumpe wurde von ihnen mit überzeugten Ausdrücken gebilligt. Aus ihren Gesprächen entnahmen wir, daß sie sich eine sehr sonderbare Ansicht über das Automobil gebildet hatten, die gleich nach der der Chinesen von dem eingeschlossenen Pferde kam, eine Ansicht, die, wie wir später unter andern Umständen fanden, eine der natürlichsten für die Denkungsweise des Muschiks war. Das, was ihm am Automobil am meisten auffiel, war die Dicke der Gummireifen, und in diesen Reifen erblickte er das ganze Geheimnis der Bewegung. In den Gummireifen liegt die Kraft, die Geschwindigkeit; sie enthalten die wunderbare Maschine, die die Räder dreht; deswegen sind diese auch so groß. Der Chinese ist grüblerisch, der Slawe schlicht; der eine hat zuviel Einbildungskraft, der andere zuwenig. Der Muschik ist dem Wahrscheinlichen stets näher; man könnte sagen, er sieht die Dynamomaschine im Geiste vor sich.