Um 5 Uhr abends setzten wir auf einer Fähre vor der Stadt Mariinsk über den Kija. Trotzdem er den Anschein eines großen Flusses hat, ist der Kija doch nur ein Nebenfluß des Tschet, eines Nebenflusses des Tschulym. Es handelte sich im Grunde um einen seichten Fluß; er führte aber Hochwasser und erschien uns ziemlich ansehnlich. Das andere Ufer stand voller Menschen. An ihrer Spitze befand sich der Pristaf, ein schöner, alter, mit dem Andreaskreuze geschmückter Mann, der uns feierlich begrüßte. Nachdem er uns willkommen geheißen hatte, bat er uns, langsam, sehr langsam in den Ort einzufahren. Fürst Borghese beruhigte ihn, es würden keine Unglücksfälle vorkommen.

„Nein, nein, ich weiß es“, erwiderte der Pristaf mit höflichem Lächeln. „Ich ersuche Sie nur, langsam zu fahren, damit die meiner Leitung unterstehenden Bürger Sie mit voller Bequemlichkeit bewundern können.“

Diese Bitte des väterlichen Gebieters der Stadt war völlig zwecklos, da die Straßen von Mariinsk sich in einem solchen Zustande befanden, daß sie uns von selbst zu prozessionsmäßig feierlichem Fahren nötigten. Die Menge umringte uns, die Knaben natürlich in erster Reihe, und zwischen den Fußgängern bewegten sich Reiter und Droschken mit dem aristokratischeren Teile der Bevölkerung. Wir wurden in ein „Semstwoskaja Dom“ geleitet, nachdem wir von früh 3½ Uhr bis abends ½6 Uhr, das heißt in vierzehn Stunden ununterbrochener Fahrt, 160 Kilometer zurückgelegt hatten, also nicht ganz 11½ Kilometer in der Stunde. Am nächsten Tage sollten wir allerdings noch weniger leisten.

Wir erhoben uns um 2 Uhr und brachen um 3 Uhr auf. Wir hatten die Stunde der Abfahrt immer früher angesetzt, um von der Klarheit der Nacht — denn das schöne Wetter zur Nachtzeit hielt an — und von der beständigen Helligkeit Nutzen zu ziehen. An diesem Tage, 10. Juli, wollten wir gegen 1 oder 2 Uhr das 237 Kilometer entfernte Tomsk erreichen und uns auf diese Weise fast einen halben Tag Ruhe gönnen. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt, und seine Beschlüsse sind bekanntlich unwiderruflich.

Die Straße war anfangs gut, zuletzt aber schauderhaft. Ich habe schon gesagt, daß man sich keine Vorstellung machen kann, wie schlecht die sibirische Straße bei Regenwetter ist, und doch gibt es vom Standpunkt des Automobilsports aus noch etwas Schlimmeres: das ist die sibirische Straße nach dem Regen. Wenn es regnet, ist der Morast tief, aber weich und flüssig, das Fahren gleicht dem Passieren einer Furt; die Räder gleiten, rutschen, schleifen über den Boden hin, sie tun alles eher als sich drehen, aber sie bleiben nicht stecken. Hat es jedoch aufgehört zu regnen und die Straße beginnt zu trocknen, so wird der Morast klebrig, das Automobil versinkt und kann nicht weiter. Einsinken ist viel schlimmer als Gleiten. Wir teilten die unangenehmen Zwischenfälle unserer Reise nach ihrer Schwere in vier Grade: Umstürzen, Einsinken, im Sande stecken bleiben, Gleiten. Das Einsinken war ein Unfall zweiten Grades. Auf der Straße nach Tomsk hatten wir nicht weniger als achtmal diesen Unfall zweiten Grades zu bestehen.

Sibirische Dorfbewohner helfen bei der Hebung des Automobils.

Die Sonne war daran schuld. Buchstäblich. Am Morgen begrüßten wir mit Freuden einen Umschwung der Witterung. Der Wind drehte sich, die am Horizont aufsteigenden Wolken zerrissen und trieben in weißen Fetzen über den klaren Himmel fort, und die Sonne ging auf, strahlend, rein, warm. Schon gegen 5 Uhr begann der Morast bedrohlich zu werden. Wir merkten, wie die Maschine sich anstrengen mußte, um nicht steckenzubleiben, und wußten kein anderes Mittel dagegen als die Schnelligkeit. Wir fuhren in Sprüngen. Aber innerhalb der Dörfer war es wegen der Hindernisse, der quer über den Weg gelegten Bretter und der frei umherlaufenden Tiere, unmöglich, rasch zu fahren. Wo der Morast am tiefsten war, sanken wir mit erbitternder Regelmäßigkeit ein und blieben zwischen den Häusern lange Zeit im Schmutze stecken.

In Tomsk erzählte ein glaubwürdiger Beamter Pierre Leroy-Beaulieu, dem bekannten Erforscher des zeitgenössischen Rußlands, von einem Ochsen, der zur Zeit der Schneeschmelze vor der Tür seines Stalles im Morast ertrunken sei. Ich führe einen so hervorragenden Gewährsmann an, weil die Tatsache unglaublich erscheinen könnte, während sie im Grunde keine Übertreibung enthält. Es genügt, durch Sibirien zu reisen, um sich davon zu überzeugen. Im Schmutze der Dörfer ertrank auch unsere Geduld. Die Bewohner legen, um sich einen Weg zu schaffen, Bretterstege längs der Häuser an, und um den Wagen das Durchkommen zu erleichtern, werfen sie Reisigbündel, Baumzweige und Stroh auf den Morast. Aber diese Füllmittel gaben unter der Last des Automobils nach. Auf manchen Straßen, zweifellos den besten, sind Baumstämme querüber gelegt, so daß eine Art einfacher Pflasterung entsteht, die wir mitunter auch fern von den Dörfern antrafen; unsere arme Maschine schnellte dann in einem fort in die Höhe und drohte jeden Augenblick in Stücke zu brechen. Aber in den Dörfern fanden wir zum Glück dicht neben dem Übel auch das Heilmittel: die Bewohner erwiesen sich stets freundlich und hilfsbereit.