Wären die Muschiks wirklich jene Räuber, als die sie geschildert werden, so hätten sie uns hundertmal in voller Seelenruhe ausplündern können. Wir haben in ihnen Freunde gefunden voller Gutmütigkeit, Selbstverleugnung, Schlichtheit, Klugheit und Unermüdlichkeit. Die Frauen glaubten freilich, unser Wagen werde vom Teufel in Bewegung gesetzt, und machten wiederholt mit dem Daumen das Zeichen des Kreuzes; aber die Männer zeigten keine Furcht vor ihm, namentlich wenn der Teufel ihnen Gelegenheit bot, einige Rubel zu verdienen.

Mit Hilfe der Bauern stellten wir gewaltige Hebel her, die die Maschine in die Höhe hoben und gestatteten, Steine oder Holzklötze unter die Räder zu legen. Diese Rettungsarbeiten dauerten immer einige Stunden.

Fern von den Dörfern, ohne Hoffnung auf rasche Hilfe, war unsere Lage beängstigend. Das Automobil war dermaßen mit Schmutz bedeckt, daß der Zutritt der Luft zum Kühlapparat unmöglich geworden war. Der zu angestrengter Tätigkeit genötigte Motor erwärmte sich und strömte eine glühende Hitze aus; er drohte zu schmelzen. Mitten zwischen soviel Schlamm fanden wir kein Wasser, um den Kühlapparat neu zu füllen, der aus dem Verschlußventil unter Pfeifen Dampfwolken ausstieß. Wenn dieses Ventil geöffnet war, in der Hoffnung, das die Zylinder umspülende Wasser abzukühlen, so stieg eine hohe Säule kochenden, dampfenden Wassers daraus empor, ein wahrer Geiser, der uns zurückfahren ließ und uns zwang, das Gesicht mit dem Arme zu bedecken. Wir mußten mit dem Spaten im Morast herumgraben, Löcher aushöhlen und warten, bis sich etwas erdiges Wasser angesammelt hatte, um ein Glas auf einmal schöpfen zu können. Und mit diesem zähen Schlamme füllten wir den Kühlapparat von neuem. Der Benzinverbrauch war riesig; der Akzelerator mußte unausgesetzt in Tätigkeit sein; wir waren stets von Wolken weißen, scharfriechenden Dampfes umgeben.

Hebung der „Itala“ aus dem Schmutze eines Dorfes.

Über die Gräben ging es im Fluge hinüber, da wir den mit Morast bedeckten Grund fürchteten. Dann richtete sich das Automobil mit den Vorderrädern in die Höhe und schlug heftig auf den Boden auf. Bei einem dieser Sätze hörten wir einen metallischen Klang, als ob etwas zerspränge. Der hintere Teil des Automobils war mit solcher Kraft auf den Boden aufgestoßen, daß der Benzinbehälter auf der Erde schleifte und die eiserne Hülle abgestreift wurde wie eine Orangenschale. Stundenlang schwiegen wir. Ein erster trüber Schatten des Zweifels legte sich über unsere Siegeshoffnungen.

Bisher hatten wir uns der Täuschung hingegeben, jede sich darbietende Schwierigkeit, jede Gefahr sei die letzte. Wir glaubten, die Reise bei dem schlechten Ende begonnen zu haben, und daß, je weiter wir vorwärtskämen, alles desto leichter gehen müsse. Jetzt bemerkten wir aber, daß sich die Hindernisse steigerten. Noch nie hatten wir eine so schlechte Straße angetroffen, und wir befanden uns noch kaum in der Mitte Sibiriens! Jeden Tag arbeiteten wir, ohne uns Ruhe zu gönnen, sechzehn, achtzehn Stunden unermüdlich, um über diese niederträchtigen Strecken hinwegzukommen. Würde aber das Automobil solchen Anstrengungen gewachsen sein, für die es nicht geschaffen war? Die Maschine selbst war ja noch unversehrt, aber die Karosserie war bei den Stößen und Rucken aus den Fugen gegangen, der Zusammenhang ihrer Teile war gelockert, sie schwankte hin und her, und wir fühlten unter unseren Füßen das Auseinanderweichen der Bretter. Die Behälter drohten von ihren Plätzen herabzufallen. Ich fragte den Fürsten schließlich:

„Kann das noch lange so fortgehen?“

„Nein“, entgegnete er.

„Wie lange kann das Auto noch Widerstand leisten?“