„Höchstens 500 Kilometer.“
In diesen Augenblicken der Entmutigung waren wir überzeugt, daß uns noch Tausende von Kilometern ebenso schlechter Wege erwarteten. Es war also zu Ende!
Wir überwachten den Gang des Automobils mit einer Furcht, die nicht frei von Zuneigung war. Wir hatten schließlich diese Maschine, die uns trug, liebgewonnen. Wir betrachteten sie beinahe wie ein lebendes Wesen, nannten sie „unser großes Tier“, riefen ihr „Bravo!“ zu, wenn sie die Schwierigkeiten überwand, bedauerten sie, wenn sie im Straßenschmutze steckenblieb, spornten sie bei steilen Aufstiegen mit ermunternden Worten an, als sei sie ein Pferd. Seit einem Monat hatten wir sie keinen Augenblick verlassen, wir lebten mit ihr, und unsere Ermüdung schien auch die ihre zu sein. Ein solch inniges Verhältnis hatte uns mit ihrer Natur bekannt gemacht, daß alle Geräusche und Töne ihrer Bewegungen uns vertraut waren und wir die geringste Unregelmäßigkeit sofort wahrnahmen. Wir horchten stets mit größter Angst auf das Schnaufen des Motors und spähten nach dem gefürchteten ersten Anzeichen einer Erkrankung.
In der Nähe von Tomsk eingesunken.
Um 7 Uhr abends trafen wir auf eine kurze Strecke guten Weges und gaben die Hoffnung nicht auf, Tomsk zu erreichen. Die Stadt war noch 54 Kilometer entfernt. Um 9, um 10 Uhr konnten wir uns in einem ihrer großen Hotels befinden. Da kam ein kleiner Sumpf auf dem Grunde eines breiten Grabens in Sicht. Keine Möglichkeit, ihn zu umgehen. Rechts und links dichter Wald von Birken und Tannen — ein versprengtes Stück Taiga. Der Fürst stieg ab, um das Gelände zu prüfen, watete in den Sumpf hinein und fühlte, wie seine Füße im Moraste versanken. Es gab kein anderes Mittel als Eile.
Das Automobil fuhr zurück, nahm einen Anlauf, schoß in den Graben hinein, den Morast mit seinen Vorderrädern zerteilend, und stürmte mit einem furchtbaren Katzensprunge weiter. Schon glaubten wir die Gefahr vorüber, als wir uns festgehalten fühlten, während der Motor fortarbeitete. Die Maschine war nicht ganz hinübergekommen, die Hinterräder waren bis an die Ränder eingesunken. Sie saßen fest und unbeweglich wie in einem Schraubstock, und weder der Anstrengung des Motors noch der Kraft unserer Arme gelang es, sie von der Stelle zu rücken.
In der Entfernung von drei Kilometern mußte ein Dorf liegen: Turuntajewa. Don Scipione ließ uns zur Bewachung des Automobils zurück und machte sich auf den Weg, um Hilfe zu holen. Nach einer Stunde sahen wir ihn zurückkommen in Begleitung von zehn Muschiks, die vier Pferde führten. Die Bauern hatten ihm auf seine ersten Bitten nicht folgen wollen, bis er dem Starosten seine wundertätigen Schriftstücke gezeigt hatte.
Die Pferde wurden angespannt und zogen, und die Männer zogen mit, aber alle ihre Anstrengungen waren vergebens. Die Muschiks zerstreuten sich daher im Walde, um Bäume zu fällen und sie zu Hebeln zurechtzuhauen.
Gegen 9½ Uhr machten wir uns von neuem an die Arbeit. Mit Hilfe der Hebel war die Befreiung leicht. In wenig mehr als einer halben Stunde konnten wir unsere Fahrt fortsetzen, um in dem Dorfe Turuntajewa im Hause einer alten Bäuerin zu übernachten.