Tomsk unterschied sich unserer Meinung nach nicht von den vielen großen Städten des europäischen Rußlands, sein Leben und Treiben konnte den Anschein erwecken, als befänden wir uns in einer der Vorstädte von Petersburg. Da fuhren die raschen Droschken mit dem schmalen Sitze ohne Lehne, auf dem man sich, wenn man zu zweien fährt, gegenseitig mit den Armen umfassen muß, Lastwagen, Zweiräder. Auf den Trottoirs spazierten — ein unerwarteter Anblick — elegante sibirische Damen in Sommertoiletten. Tomsk schien uns in der Tat den Ruf der aristokratischen Stadt, den es genießt, zu verdienen.

Die sibirische Eisenbahn hat die Stadt weit abseits liegen lassen und sie vielleicht in ihrem Handel geschädigt. Aber Tomsk führt ein gewählteres Leben: es ist der große geistige Mittelpunkt Sibiriens. Die ganze wißbegierige Jugend strömt in seine schöne Universität, die nach Art der amerikanischen Universitäten isoliert in einem malerischen Birkenhain liegt, zwischen dessen Zweigen man die kleinen zierlichen Häuschen der Studenten erblickt. Aus ganz Sibirien strömt die Jugend auch in die moderne Technische Schule wie nach der großartigen Bibliothek. Man nennt die Stadt „das gelehrte Tomsk“.

Der Gouverneur, Oberst Baron Nolcken, empfing uns mit freundschaftlicher Gesprächigkeit und lud uns zum Frühstück und zum Diner ein. Wir brachten viele Stunden in seinem Palaste zu, in dessen Salons die großen Kamine wie mitten im Winter geheizt waren, und wo wir das wohlige Gefühl hatten, von der rauhen Einsamkeit auszuruhen. Der Oberst zeigte uns seine Bären im Garten; sein Sohn führte uns herrliche Pferde vor, prächtige Exemplare des heimischen, in Rußland berühmten Schlages, und die Baronin ließ uns ihre Damhirsche bewundern, die ihr das Futter aus der Hand nahmen. Am Torgitter des Palastes standen die Bittsteller: bei einem Streite verwundete Zigeuner, Muschiks, die Beschwerden vorzubringen hatten, eine zerlumpte, schweigende, geduldige, hartnäckige Schar, die nichts von einer Unterredung mit den Beamten und Offizieren wissen, die den Gouverneur selbst sprechen wollte und auf die Audienzstunde wartete. Der Gouverneur näherte sich dem Tore, hörte die Klagen an und schickte die Leute mit den Worten nach Hause: „Wir wollen sehen!“ Und die Menge zerstreute sich, zufrieden, mit „ihm“ gesprochen zu haben.

Das Fährboot mit Pferdebetrieb.

Baron von Nolcken, ein sympathischer Vertreter des Adels, wenn ich nicht irre, von deutscher Herkunft, hat das Gesicht voller Narben. Sie sind ein Andenken an die Revolutionäre. Vor zwei Jahren, als er Vizegouverneur von Warschau war, erhielt er Drohbriefe und fand auf seinem Schreibtische sein von den Revolutionären beschlossenes Todesurteil. Eines Abends wurde er überfallen, verwundet und als tot auf der Straße liegengelassen; er hatte 42 Wunden erhalten. Er wurde aber geheilt und dann zum Gouverneur der Provinz Tomsk ernannt, die so groß ist wie das Deutsche Reich. Die Gouverneurstellungen in Sibirien, die einstmals als Strafposten betrachtet wurden, sind jetzt am meisten umworben und werden als Belohnung verliehen. Gefahrvoll sind auch sie — der Gouverneur von Omsk wurde im vorigen Jahre mitten auf der Straße samt zwei ihn begleitenden Gendarmen ermordet —, aber immerhin weniger gefährlich als die im europäischen Rußland, wo ein wahres Blutbad unter den Gouverneuren angerichtet wird. Auch der Polizeikommandant von Tomsk hat den Nihilismus kennen gelernt; auch er kam aus Warschau.

„Es würde sich in Warschau ganz nett leben lassen,“ sagte er, als er uns seine Erlebnisse erzählte, „aber in diesem schönen Orte wird zuviel geschossen!“

In geringer Entfernung vom Sitze des Gouverneurs liegen die Ruinen eines großen Palastes. Es war ein prächtiges Theater, das ein reicher Kaufmann geschenkt hatte und das vor zwei Jahren von meuternden Soldaten in Brand gesteckt worden war. Da sie den Gouverneurspalast nicht zerstören konnten, zündeten sie wenigstens einen der Nachbarpaläste an. Es gab nach dem Kriege eine Zeit, in der das ganze Reich in Stücke zu gehen drohte. Die Welt vernahm nur ein undeutliches und unvollständiges Echo dieses Beginns der Katastrophe. In Irkutsk, in Krasnojarsk, in Tomsk, in Omsk stellten Telegraph und Post die Tätigkeit ein, die Züge mußten von treugebliebenen Soldaten geführt werden, aus der Mandschurei zurückkehrende Truppen trugen die Schrecken des Krieges auf den Boden des eigenen Vaterlandes, der Handel stockte, alle Geschäfte und Häuser waren verbarrikadiert, die großen Städte schienen ausgestorben zu sein. Und all dies geschah dort draußen nicht, um einem Ideal zum Siege zu verhelfen, um einen politischen Kampf auszufechten. Das war keine Revolution; es war eine weit weniger verwickelte Erscheinung: Hunderttausende von Menschen hatten im Kriege das Morden und Verwüsten gelernt und befolgten auch nach den Schlachten die erhaltenen Lehren!

Als wir spät abends ins Hotel zurückkehrten, begegneten wir auf der öden, vom rosigen Schimmer der sibirischen Nacht beleuchteten Straße Regimentern, die aus dem Lager kamen. Die Soldaten sangen auf dem Marsche ihre Lieder und in den Gewehrläufen trugen sie Sträußchen von Feldblumen.

Am folgenden Tage, 12. Juli, früh 4 Uhr verließen wir Tomsk bei einem Wetter, das immer noch drohend aussah. Vor uns her galoppierten zwei Kosaken, die den Befehl erhalten hatten, uns den Weg aus der Stadt zu zeigen. Eine Anzahl von Velozipedisten und Motorradfahrern gab uns das Geleit.