Die Bürger von Perm werden am Morgen des 21. Juli zu ihrer Überraschung ein bedeutendes Ansteigen der Milch- und Eierpreise konstatiert haben. Wir haben das niederdrückende Bewußtsein, die unschuldige Ursache dieser tiefeingreifenden wirtschaftlichen Störung gewesen zu sein. Das Automobil bringt eben in Ländern, die sich an diesen Sport noch nicht gewöhnt haben, unerwartete Wirkungen hervor; es hat geradezu unberechenbare Folgen. Die Sache trug sich folgendermaßen zu.
Wir hatten kaum die Stadt verlassen, und zwar bei drohendem, regnerischem Wetter, als wir auf eine lange Reihe von Telegas stießen. Sie brachten landwirtschaftliche Erzeugnisse nach Perm auf den Markt. Die Bauern, Männer und Frauen, lenkten ihre Pferde mit gewohnter Sorglosigkeit; sie saßen auf dem Rande der Telegas und ließen die Beine in der Luft baumeln. Der Muschik hat zwei Arten, den Wagen zu lenken: die eine, wenn er zu Markte fährt, die andere, wenn er vom Markt zurückkommt. Bei der Rückkehr ist es der Kopf, der hin und her baumelt, und die Beine befinden sich im Innern der Telega; denn der Muschik unterläßt es nie, einen guten Teil des eingenommenen Geldes gewissenhaft in Wodka anzulegen und mit derselben Gewissenhaftigkeit den Wodka bis zum letzten Tropfen auszutrinken. An jenem Morgen handelte es sich jedoch, wie erwähnt, um Bauern, die zu Markte fuhren, und die Telegas wurden daher auf die erwähnte Art Numero eins gelenkt.
Als wir uns näherten, gab das Pferd des ersten Wagens Zeichen des Schreckens und dann der Wut von sich. Die Pferde des Gouvernements Perm sind aus irgendeinem geheimnisvollen Grunde die grimmigsten Feinde des Automobils. Wir konnten zwischen den Pferden des einen Gouvernements und denen des andern einen großen Unterschied im Verhalten uns gegenüber bemerken: die von Transbaikalien waren feindselig, die von Irkutsk mißtrauisch, die von Tomsk gleichgültig, die von Omsk veränderlich, die von Perm unversöhnlich! Für den, der die unerforschlichen Beziehungen zwischen dem Charakter der Pferde und den Religionen der Menschen ergründen will, füge ich noch hinzu, daß die Pferde der Buddhisten und Mohammedaner gegen uns beinahe freundschaftliche Empfindungen an den Tag legten; selbst in der Umgegend von Perm beobachteten uns die Pferde der Tataren mit großer Nachsicht, gleich toleranten Wesen, die nicht die ausschließliche Herrschaft über die Straße in Anspruch nehmen und deren Wahlspruch ist: „Fahren und fahren lassen!“ Das Pferd des ersten Wagens wurde also wild.
Das Automobil fuhr langsam: nutzlose Vorsichtsmaßregel. Das Pferd machte einen Seitensprung, der Wagen stürzte um. Er war mit Milch und Eiern beladen. Auf der Erde bildeten sich gelbe und weiße Bächlein. Wir wollten den unabsichtlich angerichteten Schaden ersetzen, als sich mit der Geschwindigkeit eines Blitzes die Panik von Pferd zu Pferd fortpflanzte. Die zweite Telega stürzte, dann die dritte. Nichts ist so ansteckend wie böses Beispiel. Im Nu lagen alle Telegas am Boden und streckten die Räder in die Luft. Die Milch floß von allen Seiten in Strömen, und die Bauern, angestachelt von ihren Frauen, stürzten auf uns los. Was war zu tun? Was tut man, wenn man auf einem Automobil von 50 Pferdekräften sitzt, bedroht von einer Menge mit Stöcken bewaffneter Muschiks? Etwas sehr Einfaches. Mit Bedauern, aber mit Entschlossenheit wurde der Geschwindigkeitshebel heruntergedrückt, die Maschine sauste los und war bald aus dem Bereiche der Stöcke. Wir hatten jedoch noch nicht einen Kilometer zurückgelegt, als wir vor uns einen zweiten Zug Telegas erblickten.
Diesmal beschlossen wir, zu halten und die Wagen vorbeizulassen. Aber das stillstehende Automobil erscheint den Pferden nicht minder furchtbar als das sich bewegende. Als sie näherkamen, spitzten sie die Ohren, schüttelten den Kopf und wieherten, und ehe man es sich versah, richtete sich das erste Pferd auf die Hinterhand empor und machte eine jähe Wendung, wobei es leider vergaß, daß es angespannt war; die Telega geriet ins Wanken und stürzte um; die zweite tat dasselbe, gleich darauf die dritte; die übrigen folgten! Milch und Eier am Boden, die Stöcke hochgeschwungen in der Luft — und das Automobil sauste abermals in eiliger Fahrt davon.
Von nun an änderten wir unsere Taktik mit Erfolg. Wenn wir den Telegas begegneten, fuhren wir mit voller Geschwindigkeit, und es kam keine Vergeudung von Milch mehr vor. Die Pferde hatten kaum Zeit, die Vorüberfahrt des Ungeheuers zu bemerken, als es auch schon verschwunden war, und setzten ihren Weg beruhigt fort. Alles beschränkte sich auf eine leichte Bewegung des Kopfes; es war nur ein Augenblick. Wir wandten im Grunde genommen dieselbe Taktik an wie bei den Brücken von zweifelhafter Widerstandsfähigkeit; die Pferde hatten keine Zeit durchzugehen, und die Brücken hatten keine Zeit einzustürzen. Der kritische Moment war auf einen Augenblick beschränkt. Und die Bauern begrüßten uns mit Begeisterung, lachend und überrascht beim Anblick dieser schwindelerregenden Fahrt.
Einige Stunden später gelangten wir in große Tannenwälder, während ein überaus heftiges Unwetter losbrach. Ein Sturmwind fuhr durch die Bäume und beugte sie alle unter Heulen und Zischen. Mattes Dämmerlicht herrschte, als sei die Nacht zurückgekehrt, nur unterbrochen von dem blauen Schein blendender Blitze. Der Donner rollte beständig. Ein wolkenbruchartiger Regen rauschte von allen Seiten herab wie ein großer Wasserfall und überschwemmte die Straße, füllte die Sitzplätze des Wagens, drang uns durch die wasserdichten Mäntel und peitschte unsere Gesichter mit einer Heftigkeit, die einen wirklichen Schmerz hervorrief, als ob das Wasser ein fester Körper wäre; so groß waren die Tropfen und so heftig der Sturm. Wir mußten langsam fahren, wir sahen das Gelände nicht mehr, das von den Regenschauern verhüllt war. Das Automobil überließ sich natürlich allerhand ungezogenen Protesten gegen den Morast: es rutschte aus, neigte sich zur Seite, fuhr quer über die Straße, hatte eine unüberwindliche Neigung, sich mit dem Vorderteil nach hinten umzuwenden und zeigte überhaupt Ungehorsam und Launenhaftigkeit. Das Unwetter dauerte vier volle Stunden! Um ½10 Uhr hatten wir in beinahe sechsstündiger Fahrt kaum 50 Kilometer zurückgelegt.
Tief herabhängende Wolken trieben vorbei und verfingen sich in den Bäumen, als wir das Ufer der Kama erreichten und auf einem von einem kleinen Dampfer geschleppten Fährboote über den breiten Strom übersetzten, der nächst der Wolga die wichtigste Verkehrsader des östlichen Rußlands bildet.
Morast begleitete uns auch am andern Ufer. Zuweilen mußten wir absteigen, um die Maschine zu schieben, wenn die Laufräder es sich in den Kopf gesetzt hatten, sich im Kreise herumzudrehen, ohne vorwärtszukommen. Wir hofften noch Malmysch an der Wjatka, einem Nebenflusse der Kama, zu erreichen und dort zu übernachten, von wo wir noch etwa 160 Kilometer bis Kasan hatten. Wir hatten uns vorgenommen, an diesem Tage 360 Kilometer zurückzulegen, um am nächsten Tage vormittags in Kasan zu sein ... Es sollte ganz anders kommen! Auf Reisen soll man nichts im voraus bestimmen wollen. Vorausbestimmungen sehen aus, als wolle man dem Schicksal Vorschriften machen. Das Schicksal wollte sich aber an uns rächen und uns demütigen.
Gegen 11 Uhr hatten wir uns etwa 30 Kilometer von der Kama entfernt. Die Straße wurde besser und das Wetter hatte sich aufgeklart, als das beschädigte Rad zu knirschen begann. Nach zehn Minuten knarrte es. Wir fuhren weiter — was sollten wir auch sonst tun? —, das Knarren ging in Zischen über. Noch wenige Meter und dann — ein Krach! Wir hielten. Der Fürst sprang ab, um das Rad zu besichtigen, und stieß einen Ausruf schmerzlicher Überraschung aus.