Es war gerade kein sehr ruhiger Schlaf, dessen wir uns vergangene Nacht zu erfreuen hatten! Früh begaben wir uns zur Garage, als wären wir im Begriff, eine endlose Reise nach einem unerreichbaren, fabelhaften Ziele anzutreten.

Wir haben uns an das beständige Reisen gewöhnt; zur Stunde des Aufbruchs springen wir instinktiv aus dem Bette. Fahren ist unser Lebenszweck geworden, immer und immer dahinstürmen; moderne ewige Juden, die verdammt sind zu unaufhörlicher Reise.

Viel besser, viel tiefer und viel ruhiger als in dieser letzten Nacht unserer Pilgerfahrt durch zwei Kontinente hatten wir auf den chinesischen Kangs geschlafen trotz ihrer übeln Gerüche, im grünen Grase der Steppen oder auf den Bänken der kleinen sibirischen Isbas, eingehüllt in Ziegenfelle, den photographischen Apparat als Kopfkissen. Viel besser als in den Daunenbetten des Gasthauses zu Meaux, 45 Kilometer vor Paris!

Es ist die Nähe von Paris, die uns im Schlafe stört. Wir fühlen, wir hören das mächtig pulsierende Leben der Stadt. Oft stand ich auf, ging ans Fenster und schaute hinaus. Dort liegt Paris, sagte ich mir, als ob ich einen unvernünftigen Zweifel bannen wollte.

Tag für Tag war uns unsere Reise selbstverständlich, manchmal sogar leicht erschienen. Kiachta zu erreichen, indem man von Urga kam, Werchne-Udinsk, indem man von Kiachta kam, dünkte ganz einfach. In unmerkbaren Übergängen gelangten wir von Land zu Land, von Volk zu Volk.

Jetzt, da unser Geist nicht mehr bedrückt ist durch die Sorge um den Weg, denken wir der zurückgelegten Strecke, die uns die Erinnerung mit Blitzesschnelle in gewaltsamer Verkürzung zeigt.

Wir befanden uns an den mit Pagoden gekrönten Toren von Peking. Die Arme von Chinesen schleppten diese Maschine hier unter den Felsen von Ki-mi-ni durch, wo wir von Maultieren getragene, mit blauer Seide verhüllte Sänften fanden. Mandarine, den goldgestickten Drachen auf der Brust, kamen in Kalgan herbei, um diesen Wagen anzusehen, während ein Gong feierlich erklang. Dieser Wagen ist von ungestümen mongolischen Reiterscharen verfolgt worden, und er jagte seinerseits an den Grenzen der Wüste Rudel braungelber Gazellen, die vor Angst wie verrückt waren. Dieser Wagen hat den breiten Iro, den letzten großen Strom des Chinesischen Reiches, durchfurtet; er fiel von einer Brücke in Transbaikalien und fuhr zwischen den Geleisen der transsibirischen Eisenbahn; im Schmutze von Tomsk ist er versunken, die Taiga, den größten Wald der Welt, hat er durchquert, und nun steht er wohlbehalten hier, eine halbe Stunde vor der Porte de Vincennes!

Wir hatten gewagt, auf Erfolg zu hoffen. Wir hatten aber nicht gewagt, an die Aufregung dieses Augenblicks zu denken, als wir das Doschmen-Tor in Peking verließen.

Fürst Borghese befolgte stets den Grundsatz, sich nur ganz kleine, leicht zu erreichende und nahe Ziele zu stecken. Er sagte mir an den beschwerdereichen, zur Verzweiflung bringenden Tagen, an denen wir nur langsam und mit schwerer Mühe vorwärtskamen: „Alles, was ich wünsche, ist, das nächste Dorf zu erreichen“, und unterdrückte in seinem Geiste das übrige. Wir strengten alle unsere Kräfte, unseren gesamten Willen an, um diese kurze Strecke zurückzulegen, als sei das nächste Dorf unser letztes Ziel.