Den Tag darauf begannen wir von neuem.
Die ungeheuere Reise ist im Grunde nichts weiter als eine endlose Reihe von kurzen zurückgelegten Strecken, von denen jede einzelne im Verhältnis zu unserer Kraft und der Maschine stand. Unsere Reise ist vor allem eine riesenhafte Kette von Geduldproben. Wir berechneten nie die Länge der Strecke vor uns, sondern nur die der hinter uns liegenden. Wir suchten die Zahlen, die uns anspornen konnten, und in unseren Berechnungen waren wir vorsichtig, so daß wir stets beobachteten, daß wir in Wirklichkeit einen viel weiteren Weg zurückgelegt hatten, als wir glaubten.
Es ist fast sicher, daß wir uns in der Berechnung der Entfernungen in der Mongolei und der Wüste Gobi getäuscht haben, wo wir 12 bis 14 Stunden täglich in gutem Tempo fuhren. Wir glaubten 200 bis 300 Kilometer zurückzulegen, und in Westeuropa stellten wir fest, daß, wenn wir mit derselben Geschwindigkeit fuhren, wir in der gleichen Zeit 500 Kilometer zurücklegten. Die genaue Gesamtziffer der von uns durchfahrenen Kilometer bleibt also noch unbekannt. Wir schätzen sie auf über 13 000. Aber wir wollen sie gern unbekannt sein lassen. Wir werden sicher nicht zurückkehren, um nachzumessen ...
Die Nachbarschaft von Paris überrascht uns, betäubt uns, findet uns ergriffen von der phantastischen Geschwindigkeit, mit der wir sie erreicht haben. Die letzten russischen Provinzen, Deutschland, Belgien, Frankreich zogen an uns wie Traumbilder vorbei. Zwölf Tage brauchte es, um das erste Tausend Kilometer zurückzulegen, das letzte Tausend haben wir in 2½ Tagen durchflogen.
Doch die letzten Stunden schienen uns eine Ewigkeit: Stunden der Freude, aber auch Stunden einer schwachen, unbestimmten, undefinierbaren Beklemmung, die uns schweigsam machte und uns den Anschein der Niedergeschlagenheit verlieh.
Am Vormittag des 10. August wurde Meaux von einem Heere von Automobilen überschwemmt. Jede Minute kamen sie an: große, kleine, etliche mit Fahnen geschmückt, andere mit den Namen von Zeitungen in großen Buchstaben; eins brachte die Korrespondenten der italienischen Presse; verschiedene vertraten den französischen Automobilklub. Hupen, Sirenen ertönten, Motore knatterten, und die Menge drängte sich auf der Straße, im Hofe des Gasthauses, in der Garage. Unsere Maschine war unsichtbar, in eine Remise eingeschlossen, an deren Tür sich die Neugier der Menge brach.
Um 2¼ Uhr wird der Befehl zum Aufsitzen erteilt. Einige Fahrzeuge setzen sich in Bewegung. Es ist ein Augenblick allgemeiner Aufregung.
Ettore befestigt das Gepäck auf dem Automobilkasten mit derselben Sorgfalt, die er stets darauf verwandte, seitdem das Gepäck des Fürsten in der Wüste Gobi verlorengegangen war. Er läßt den Druck im Benzinbehälter steigen, schaltet den Ganghebel ein, und der Motor gewinnt unter Getöse Leben. Wir nehmen unsere Plätze ein, Don Scipione setzt das Fahrzeug in Bewegung, wir fahren langsam auf die Straße hinaus. Ganz Meaux ist versammelt!
Das Automobil bahnt sich mühsam seinen Weg durch die Zuschauer, die lauten Beifall äußern. Die Fenster sind mit Damen besetzt, die unsere Maschine mit Blumensträußen bewerfen. Ununterbrochene Hurrarufe begleiten uns bis zum Ausgange des Ortes, wo wir uns an die Spitze des Zuges setzen. Als nächste folgen die Automobile der Pariser Journalisten, die uns von Berlin aus begleitet haben und uns auch bis zur Ankunft vor den Redaktionsräumen des „Matin“ nahebleiben sollen. Wir steigern die Geschwindigkeit. Um 3 Uhr sind wir in Chelles. Der Fürst verlangsamt die Fahrt nicht mehr, selbst nicht dort, wo die Straße weniger gut wird. Wozu die Maschine schonen? Wir sind ja beinahe am Ziel!