Paris ist nur noch 30 Kilometer entfernt, zwanzig, zehn!

Überall Begrüßungen, Beifallsrufe, Wehen mit Taschentüchern. Der Fürst lächelt; es ist nicht mehr sein gewohntes, rätselhaftes, zeremonielles Lächeln, sondern ein frei aus dem Herzen kommendes Lächeln! Seine kühle, bewundernswerte Selbstbeherrschung ist nicht mehr imstande, die Befriedigung zu unterdrücken, die ihn beseelt.

Die Dörfer folgen ohne Unterbrechung aufeinander. Allmählich werden sie Vorstädte von Paris. Viele Menschen, die uns erwarten, betrachten uns mit zweifelnder Miene, als wollten sie fragen: „Seid ihr es?“ Da sie nicht wissen, welches unter so vielen das Automobil des Fürsten ist, gelangt die Mehrzahl zu dem Schlusse, daß es nicht gerade jenes häßliche ist, das allen voranfährt. Unsere Reisegefährten, die Kollegen auf dem zweiten Wagen, werden oft zum Gegenstand der lärmenden Kundgebungen der Menge. In Bry wartet eine dicke Frau mit einem mächtigen Blumenstrauße und schleudert ihn dem vortrefflichen Kollegen Henri des Houx gerade vor die Brust, indem sie ihm zuruft:

„A vous, Monseigneur!“

Als wir uns Joinville nähern, steht längs der Baumreihen eine dichtgedrängte Menschenmenge, die uns mit immer größerer und lärmenderer Begeisterung begrüßt. Die Wagenführer rufen: „Bravo, mon gars!“ Jetzt kommen wir durch das Bois de Vincennes; viele Radler schließen sich dem Zuge an und fahren vor unserer Maschine her, auf das Risiko hin, überfahren zu werden. Wir rufen ihnen zu, achtzugeben, wenn sie den Rädern allzu nahe kommen; statt aller Antwort schwenken sie die Mützen und rufen: „Vive le prince!“

Von allen Seiten hören wir Hochrufe. Die Omnibusse, die Straßenbahnwagen halten; die Fahrgäste stehen auf und klatschen in die Hände. Ein Gewitter zieht herauf. Der Himmel bedeckt sich mit schwarzen Wolken, die reißend schnell emporsteigen; die Menge wankt und weicht nicht. In Saint Mandé beginnt es zu regnen, und das Wasser verläßt uns nicht mehr. Wir brachen aus Peking bei Regenwetter auf; wir sollten bei Regenwetter auch in Paris ankommen!

Auf dem Cours de Vincennes müssen wir wieder halten; wir sind zu früh gekommen; die für den Einzug festgesetzte Stunde hat noch nicht geschlagen. Die Anzahl der Radfahrer, die das improvisierte Ehrengeleit bilden, ist inzwischen auf Hunderte angewachsen, die phantastische Rundtouren mit uns ausführen; wir sind von einem Gewirr sich bewegender Räder umgeben.

Um 4 Uhr erscheint von Paris her eine seltsame Maschine und setzt sich an die Spitze des Zuges. Es ist eins jener riesigen Automobile zu 20–30 Sitzen, die Touristenkarawanen, die Paris in wenigen Stunden besichtigen wollen, herumfahren. Man hat eine Kapelle mit langen Trompeten und Hörnern darauf gesetzt, die von Gruppen französischer und italienischer Fahnen überragt und umgeben ist: ein Wagen, der ein wenig an den Karneval erinnert, den man aber zur Erhöhung der Feierlichkeit der Ankunft für unerläßlich gehalten zu haben scheint. Die Kapelle stimmt den Triumphmarsch aus „Aïda“ an; es ist der Einzug des Radames in Paris! Wir setzen uns wieder in Bewegung: es ist 4¼ Uhr geworden.

Nun gelangen wir in die Avenue du Trône zwischen den beiden riesigen Säulen Philipp Augusts hindurch, deren Sockel von der Menge verdeckt sind. Im Hintergrunde erscheint, vom Regenschleier verhüllt, der Eiffelturm. Er erinnert an einen ungeheueren Leuchtturm: er war der große Leuchtturm unserer Reise!

Die Hochrufe werden betäubend, sie dauern unablässig an. In einigen stillen Augenblicken hören wir die hellen Stimmen der Camelots, die Erinnerungspostkarten zum Verkaufe anbieten mit dem Rufe: „Le prince Borghèse, quatre sous, quatre sous, le prince Borghèse!“