Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe von der Volksmenge studiert.

Auf den Straßen befand sich die gewohnte kaufende und handeltreibende Bevölkerung, sorglos und von malerischem Aussehen, wie sie sich alle Tage einfindet, nicht eine Menge, die eigens zu dem Zwecke gekommen war, um uns zu sehen. Das Schauspiel einer Automobilfahrt ließ die guten Pekinger völlig kalt. Es waren Zuschauer ohne Neugier und ohne Feindseligkeit. Viele würdigten uns kaum eines Blickes. Es schien, als hätten sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes gesehen. Wir empfanden beinahe ein Gefühl der Demütigung darüber. Wir hatten erwartet, in der Bevölkerung die Äußerungen größten Staunens hervorzurufen, statt dessen bemerkten wir nur Äußerungen einer erhabenen Gleichgültigkeit. Die Wunder unserer Zivilisation genießen nicht einmal die Ehre, die Aufmerksamkeit eines chinesischen Straßenjungen zu erregen. Es gibt nichts Europäisches, das einen Sohn des Himmels überraschen könnte. Es herrscht dort draußen die Ansicht, daß wir Zauberkräfte besitzen, geheimnisvolle Eigenschaften, mittels deren wir Organismen von Stahl, die zu jeder Arbeit fähig sind, beleben können; die Sache geht mit natürlichen Dingen zu, und es ist also nichts zum Verwundern dabei.

Es gibt zwei Klassen in der Welt, die nichts bewundern: die großen Gelehrten, die alles kennen, und die gänzlich Unwissenden, für die alles ein Geheimnis ist. Der völlig Unwissende findet alles unerklärlich; alles übersteigt sein Fassungsvermögen, nichts setzt ihn in Erstaunen, weil alles ihn in Erstaunen setzen müßte. So ist der Chinese. Er besitzt die gemächliche Philosophie der Unkenntnis, erfreut sich des heiteren Friedens der Unwissenheit und hat darin das wahre Geheimnis des Glückes gefunden. —

Wir sind durch ein Labyrinth von Gäßchen rasch auf die Nordseite der Kaiserstadt gelangt. Chinesische Polizisten in ihrer mit weißen Inschriften bedeckten Jacke und den Strohhut elegant auf dem zu einem Chignon gewickelten Zopfe tragend, zeigten uns mit der Spitze ihres langen Stabes den richtigen Weg. Oben bemerkten wir einen Augenblick in der Ferne die gelbe Umfassungsmauer der Kaiserstadt, die zierlichen Pagoden des Mei-schan, des „Kohlenbergs“, eines Berges, den die Laune eines Kaisers in seinem Garten errichtet hatte, um von da aus die ganze Stadt zu beherrschen. Und bald darauf befinden wir uns unter den gewaltigen Außenmauern, unter den riesenhaften, drohenden Bastionen des Doschmen, die von einem jener hohen, die Tore Pekings verteidigenden Kastelle überragt werden. Dieser Bau, halb Festung, halb Tempel, öffnet gegen die Ebene die dreifache Reihe seiner Schießscharten, die ihn wie die Breitseite einer alten Fregatte erscheinen lassen. Im Torwege müssen wir langsam fahren wegen des holprigen Pflasters, das von der Zeit mitgenommen und von den Rädern der Wagen tief ausgefahren ist, eines Pflasters, welches an das in Pompeji erinnert. Um uns her lärmt das Leben der Vorstädte, elend, heiter, sorglos.

Jetzt beginnt die Landstraße, die sich zwischen prächtigen Gärten hinzieht, aus denen Bäume herüberragen, gleich als ob sie den Vorübergehenden Schatten und Früchte bieten wollten. Die Automobile, die uns vorausfahren, ein „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“, halten. Wir tun dasselbe. Fürst Borghese wird ersucht, vorzufahren.

Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von italienischen Matrosen.

Die „Itala“ setzt sich in Bewegung, und bald entschwindet infolge der Unebenheit des Geländes und der dichtstehenden Bäume Peking unseren Blicken.

Jetzt erst kommt es uns in den Sinn, nach der Uhr zu sehen. Unsere Abfahrt hatte sich verzögert: es ist 9 Uhr 25 Minuten. —