Sollen wir unsere Kulis suchen lassen, sollen wir unseren Wagen von ihnen mit Seilen über die Grabplatten der Brücke ziehen lassen? Der Fürst will nicht so bald vor dem Hindernis zurückweichen, er geht rundherum, beobachtet, studiert und macht Punkte ausfindig, auf denen es den Rädern möglich ist durchzukommen. Die Schutzwände, auf die wir uns so viel zugute taten, werden abgenommen und auf die Stufen gelegt, um als Fahrgeleise zu dienen. Ettore, der Befehle gewärtig, ergreift das Lenkrad, läßt die Maschine 50 Meter zurückgehen und wartet. Es beginnt zu regnen, und die nassen Steine glänzen.

„Vorwärts!“ kommandiert der Fürst und befiehlt: „Hierher mit dem rechten Rad! Achtung!“

Die „Itala“ nimmt einen Anlauf, erklimmt mühsam die steile Böschung und gelangt mit den Vorderrädern auf die Schutzwände. Aber der Regen hat die Bretter und die Steine schlüpfrig gemacht; das Automobil gleitet zurück; die schweren Schutzwände werden unter dem Drucke der Pneumatiks mit Gewalt beiseite geschleudert; es geht ihnen so wie dem Kirschkern, der durch den Druck der Finger fortgeschnellt wird. Und die Maschine bleibt wieder unbeweglich stehen. Man muß es von neuem versuchen. Die „Itala“ fährt zurück. Wir beeilen uns, die Schutzwände wieder an ihre Stelle zu bringen, aber Ettore ruft:

„Versuchen wir es ohne Unterlage!“

Er nimmt zum zweitenmal einen Anlauf. Der Wagen gelangt stolpernd bis an die Steine. Nach einem Augenblick des Zögerns heben sich die Vorderräder auf die Brückenfläche. Aber das Automobil hat sich festgerannt; die Hinterräder drehen sich mit rasender Geschwindigkeit an den ungefügen Stufen, ohne daß es ihnen gelingt, hinauszukommen. Sie wirbeln mit furchtbarer Schnelligkeit um sich selbst und schlagen mit den die Reifen festhaltenden Nägeln dermaßen gegen die Steine, daß die Funkengarben umhersprühen. Ettore steigert mit Unterbrechungen die Geschwindigkeit des Motors, der in ein beängstigendes Heulen ausbricht und unter heftigem Stöhnen ganze Wolken von dichten, weißen, scharfriechenden Dämpfen ausspeit. Wir eilen mitten in diese Dämpfe hinein, um die Maschine mit allen Kräften vorwärts zu stoßen; der glühende Hauch des Auspuffs wälzt sich uns um die Beine. Unsere Mühe ist vergeblich, wir ziehen uns entmutigt zurück.

Das Automobil, das sicherlich seinen Teil Eigenliebe besitzt, wollte allein über die Schwierigkeiten Herr werden. Mit einem Male beginnen die Räder zu greifen, sie halten einen Augenblick inne, wie um ihre Kraft zu sammeln, und steigen langsam, langsam nach oben. Sie überwinden die erste, die höchste Stufe, sodann die übrigen. Schließlich erklimmt die Maschine die Marmorplatten und bleibt hier stehen, um sich einige Minuten auszuruhen. Dann unternimmt sie mit dem Schritte einer Ameise den schwierigen Übergang zwischen all jenen aus den Fugen geratenen Steinen, wobei sie ab und zu stehenbleibt, um die nur eine Hand breiten Fahrbahnen zu erspähen, nach einer Art des Weiterkommens suchend, bei der nicht mehr als ein Rad in die Furchen einsinkt oder zwischen den Fugen eingeklemmt wird. Das Automobil taumelt ungeschickt, langsam von einer Seite zur andern, schwankt auf und nieder, geht mitunter einen Schritt zurück, um die Richtung zu ändern; es hat ganz das Aufsehen einer riesigen Schildkröte, mit dem weiten Panzer, der fast den Boden berührt, und den vier einzelnen starken und vorsichtigen Tatzen.

Der Abstieg auf der andern Seite ist leicht, aber voller Interesse. Es ist das erstemal, daß ich ein Automobil bei einer solchen Arbeit erblicke. Der gewaltige Apparat, der für rasende Fahrten, für unerhörte Geschwindigkeiten berechnet ist, steigt hier die Stufen einer Treppe mit der zaghaften Aufmerksamkeit eines kleinen Kindes hinab. Das Ungeheuer bietet all seine Kraft auf, um sich im Gleichgewicht zu erhalten. Es scheint, als bemerke es die Gefahr, als schätze es die Höhenverhältnisse ab; es bewegt seine Räder mit unendlicher Vorsicht, setzt sie leise auf die unteren Stufen, ohne einen Ruck, ohne einen Stoß; es steigt herab wie ein riesengroßes denkendes Wesen, das es versteht, sein Können in den Dienst der Klugheit zu stellen. Es braucht Minuten, um einen Meter zurückzulegen, bevor es freien Weg vor sich erblickt. Dann mit einem Male schießt es wie in einem Übermaß von Freude davon, und es hat den Anschein, als könne es nicht mehr stehenbleiben, während wir hinter ihm herlaufen und ihm zurufen:

„He, halt! Heda, halt!“