Wir nahmen die Fahrt auf dem Landwege wieder auf, während ein feiner, durchdringender Regen niederströmte, der allmählich Schmutz erzeugte und Pfützen und bescheidene Seen schuf. Wir fuhren über ländliche Brücken, ähnlich denen, die die reichen Chinesen in ihren Gärten zur Zierde anzubringen lieben, eilten über Fußwege, die sich zwischen hohen grasbewachsenen Dämmen hindurchschlängelten, die mit Weiden bestanden waren; ihre herabhängenden Zweige berührten unsere Köpfe. Die Mannigfaltigkeit der Landschaft kündigte uns die Nähe von Hügeln an, die Grenze der großen Pekinger Ebene, jenes grünen Meeres, in welchem die Haine, hinter denen sich die Dörfer verstecken, wie Inseln erscheinen. In der Ferne erblickten wir schon eine oder die andere blaßblaue Anhöhe, überragt von dem charakteristischen Profil einer Pagode.
Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.
Unvermutet sahen wir vor uns die Marmorbalustrade einer zweiten antiken Brücke schimmern, die über den Schi-kiau-ho führte und noch größer war als die erste. Wir stiegen vom Wagen und machten unserem Groll gegen die Pracht von Kambaluk Luft. Das Manöver des Aufstiegs auf die Brücke und ihrer Überwindung begann von neuem. Zum Glück hatte sich das Automobil schon eine gewisse Übung im Klettern erworben, und in 20 Minuten konnte es seinen archäologischen Übergang auf das linke Ufer des Flusses bewerkstelligen.
Hier sahen wir uns von einer Menge Chinesen umringt, die seltsame Mützen trugen und uns freundlich begrüßten. Wir baten um frisches Wasser; es wurde uns in Eimern, in Töpfen, in Teekesseln gebracht. Ein schöner alter Mann von tatarischem Gesichtsschnitt lud uns freundlich ein, den Tee in seinem Hause einzunehmen. Er war ganz betrübt, als wir ablehnten. Er versicherte uns, er sei unser Freund. Alle jene Leute waren unsere Freunde. Weshalb? Die Erklärung für dies Gefühl der Sympathie erhielten wir, als sie uns unter den Bäumen mit einem gewissen Stolze ihre Moschee zeigten. Es waren mohammedanische Chinesen; der alte Mann war ihr Oberhaupt und Priester. Die mohammedanischen Chinesen fühlen sich durch ihre Religion uns näher verwandt als ihren Landsleuten. Sie wissen, daß die Grundlage unseres Glaubens das Alte Testament ist, und sie glauben an dasselbe Alte Testament, das zu ihnen auf dem Wege über Turkestan gekommen ist, unterwegs ein wenig verändert, bei der Ankunft ein wenig chinesisch geworden, aber dem wesentlichen Inhalte nach unangetastet.
Wir entboten dem ehrwürdigen Priester einen Gruß auf arabisch — in seiner heiligen Sprache — und entflohen eiligst, an unseren Wagen geklammert, während er und sein Volk uns regungslos nachblickten, verzückt, wie vor einer biblischen Erscheinung.
Es dauerte nicht allzulange, bis wir am Horizont in unbestimmten Umrissen und bleichen Farben die seltsam geformten Gipfel der Berge von Kalgan erblickten. Rings um uns herum erhoben sich kahle Hügel und schlossen uns ein. Zu unserer Rechten öffnete sich jenes wundervolle Amphitheater von Bergen in regelmäßigen und feierlichen Formen, in dem die Kaiser der Mingdynastie ihre letzte Ruhestätte haben. Es gibt in der ganzen Welt keinen großartigeren fürstlichen Friedhof. Es sind nicht die Tempel, die Bogen, die riesenhaften Denkmäler, die so überwältigend wirken, es ist die Örtlichkeit selbst. Ein unfruchtbares und unzugängliches Tal von der ganzen unsagbaren Majestät einer Grabstätte erfüllt, einer Grabstätte von Halbgöttern, der ein Kreis von Bergen als Umfassungsmauer dient. Irgendein übermenschlicher Wille scheint sie hierher versetzt zu haben, um Schatten und Schweigen über den heiligen, ewigen Schlummer einer Dynastie zu breiten.
Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.
Wir bemerkten, daß wir uns in der Nähe einer göttlich verehrten Stätte befanden. Wie im Umkreise eines Tempels ragten überall Denksteine empor, bedeckt mit altertümlichen Schriftzeichen, errichtet auf dem Rücken riesiger Schildkröten oder Drachen aus Marmor oder auf einer mit Lotosblumen geschmückten Basis, die an das Piedestal der Buddhastatuen erinnerte. Der Weg wurde immer schwieriger, steiniger und nahm beinahe schon ein gebirgiges Aussehen an, als wir auf unsere Kulis stießen. Wir waren in ein kleines Dorf gelangt. Als sie uns erblickten, stürzten sie bunt durcheinander auf die Straße.