Ein alter Aufseher befehligte sie, der als Abzeichen seines Ranges eine weiße Fahne mit der Inschrift: „Höret auf die Worte eures Vaters“ trug, wohl um anzuzeigen, daß man ihm Gehorsam schulde. Um seine väterliche Stimme zu verstärken, hatte sich der Alte mit einem an einem Bindfaden um den Hals gehängten Metallpfeifchen versehen. Wir riefen den Kulis zu, sie möchten uns nachkommen, und ließen sie hinter uns zurück. Wir wollten den Motor möglichst lange ausnutzen.

Jetzt unterschieden wir deutlich die Schlucht von Nankou. Sie erschien eng wie ein Spalt zwischen zwei steil ansteigenden, mit Felstrümmern bedeckten Bergen, auf deren unregelmäßigen Gipfeln sich alte Befestigungstürme erhoben. Rings zeigten sich die bizarren Umrißlinien anderer Berge. In dem melancholischen Dämmerlichte des regnerischen Tages hatte das Panorama etwas unsagbar Wildes. Bei Sonnenschein würde es nur einen romantischen Eindruck gemacht haben. Die Abhänge der Höhen stiegen steil empor wie Bastionen und schienen jeden Versuch, sich ihnen zu nahen, zurückweisen zu wollen.

Nankou bedeutet „Mund des Südens“.

Es gibt Landschaften, von denen man sagen könnte, sie seien für den Kampf der Menschen untereinander geschaffen; Schlachtgefilde, Örtlichkeiten, in denen die Natur Angriff und Verteidigung unterstützt, düstere, zerrissene Gegenden, die den Geist der Feindseligkeit atmen, Defilees für Überfälle und Pässe für Hinterhalte. Nankou bietet solch einen drohenden Anblick. Die Zeiten der feindlichen Einfälle liegen in ferner Vergangenheit, die Befestigungen auf den Gipfeln verfallen Stein um Stein, und ringsherum lebt das friedlichste Volk der Welt. Und dennoch ruft dieser tiefe Talgrund schon durch seine Gestaltung den Gedanken an Angriffe und Metzeleien hervor, als seien die ihn umschließenden Berge nichts anderes als ungeheuere Mauern einer Riesenfestung.

Straße in Schem-pao-wan.

Sechs Kilometer von der Mündung des Tales entfernt mußten wir halten. Von diesem Punkte an ist die Straße nichts anderes als das Bett des Bergstromes, der aus der Schlucht von Nankou herunterstürzt: Sand, Felsblöcke, Wasserpfützen. Wir warteten auf unsere Leute. Im Laufschritt eilten sie herbei, froh, sich des Ki-tscho bemächtigen zu können. Vielleicht fürchteten sie, er eile davon und entziehe ihnen die Aussicht auf den Verdienst. Unter wildem Geschrei kamen sie wie eine Räuberbande heran. Welch seltsame Zusammenstellung von Trachten und Kopfbedeckungen! Säcke von grober Wolle nach Art der indianischen Ponchos, das wasserdichte Kleidungsstück der chinesischen Karawanenführer bildend, blaue, weiße, graue Hemden, alle gleich zerrissen, Lumpen als Turban um den Kopf geschlungen, Strohhüte zum Schutze gegen die Sonne, Fetzen jeder Form und jeder Art, Kleidungsstücke, die Generationen gedient haben mußten, kurz ein malerisches Durcheinander. Es waren Greise, Jünglinge, Knaben darunter, Chinesen und Tataren, Figuren von Bettlern und von Mandarinen, ein Gemisch von altem Elend und jungem Elend, eine Schar Bedürftiger jeder Klasse, angeworben, wer weiß wie, der Bodensatz des menschlichen Ameisenhaufens von Peking. Lustig und zufrieden waren sie gekommen, ein Automobil zu ziehen und damit in vier Tagen den Lebensunterhalt für einen Monat zu verdienen.

Der alte Anführer schwenkte die Fahne und blies mit vollen Backen in die Pfeife. Der Pfiff bedeutete: Fertig! Ettore band die dicken Seile um den vorderen Teil des Rahmens und die beiden vorstehenden Arme, die an jedem Automobil angebracht sind, um die Federn an der Achse festzuhalten, und eine Minute später zogen zwei lange Reihen gekrümmter Menschen, an die Seile gespannt, langsamen Schrittes die schwere Maschine, während andere hinten schoben. Es regnete immerwährend. Ab und zu blieb das Automobil vor großen Steinen mit einem Rucke stehen; es stemmte sich wie ein störrisches Tier. Dann verdoppelten die Kulis, die einen Augenblick mit einem Fuß in der Luft festgehalten wurden, ihre Anstrengungen und sangen im Takt, um einheitlich ziehen zu können. Der Alte stimmte im Tone eines betenden Bonzen ein Lied an, und die andern heulten den Refrain im Chore mit: „Lai, lai-la!“ „Vorwärts, vorwärts!“ und zogen an. Der Aufseher improvisierte sein Lied; er sang, was ihm gerade einfiel; auf den Ton und die Melodie kommt es an, nicht auf die Worte. Närrisches Zeug kam aus seinem Munde, das die Leute in Heiterkeit versetzte, und aus dem „Lai, lai-la“ hörte man bisweilen ein seltsames Gemisch von Anstrengung und Heiterkeit heraus.

Wenn der Wagen ein kleines Hindernis überwunden hatte, rollte er infolge des erhaltenen Anstoßes plötzlich vorwärts. Er schien alle jene seltsamen Leute verfolgen zu sollen; die Seile wurden schlaff, und die Chinesen trabten und sprangen unter lautem Geschrei und Gelächter vergnügt einher. Sie belustigten sich daran wie an einem Spiel und legten so eine Strecke in großem Tumult zurück, bis sie sich wieder an den aufs neue straffgespannten und unbeweglichen Seilen ziehend zusammenfanden. Diese Schar Menschen erweckte unser Interesse. Es waren keine Lastträger; es waren nur Arme; sie vertraten nicht eine bestimmte Klasse, sie vertraten das Volk im ganzen. Es war das große chinesische Volk mit seinem Elend und seinen Tugenden, das wir an der Arbeit sahen. Die Armut, die Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit, die Einfalt, die Geduld und die Arbeitsamkeit, alle Vorzüge und alle Fehler der Rasse, verborgen unter einem schmutzigen, unvorteilhaften Äußern, waren an unsere Maschine gespannt. Feierlich schritt der Alte mit seiner Fahne dem Zuge voran.