Unter den alten Mauern von Ta-tu-mu.
Es blieben noch die zerrissenen Berge von Nankou am Eingange der Schlucht zu überwinden. Das Dorf lehnt sich an den Nan-schan, den „Berg des Südens“, der auf die Häuser steil herabfällt und, von unten gesehen, sich vornüberzubeugen scheint, um zu beobachten, wer im Tale daherkommt. Bis zum Gipfel ziehen sich zinnengekrönte hohe Mauern, alte Verteidigungswerke, die sich von der Großen Mauer abzweigen und fast unversehrt geblieben sind, weil sie dem Menschen fast unzugänglich waren. Ihre Zerstörung ist einzig und allein der Zeit überlassen, und die Zeit ist gegen großartige Werke unendlich gütiger als der Mensch.
Das Dorf Nankou ist eine Anhäufung von Steinen. Die niedrigen und kunstlosen Häuser sind aus Bruchsteinen erbaut, und an ihren Vorderseiten ziehen sich hohe, aus Steinplatten hergestellte Fußpfade entlang; die Mitte des Weges ist für die Überschwemmungen freigelassen. Eine alte Festungsmauer schließt den Ort ein. Wir betreten durch das niedrige, tiefe, finstere Tor die einzige Straße des Ortes. Es hat aufgehört zu regnen; für einige Minuten drängt sich die Sonne durch die Wolken und streut über die nassen Steine helle Lichter. Die Bewohner treten an die Türen und beobachten uns.
Es scheinen Angehörige einer andern Rasse zu sein. Es sind die Bergbewohner Chinas. Sie sind groß und stark; ihr Gesicht trägt die stolzen Züge des tatarischen Stammes. Diese kleine, einsam und verlassen inmitten unwirtlicher Felsen wohnende Bevölkerung läßt an eine Besatzung denken, die in früheren Zeiten zum Schutze des Passes hierhergelegt und vergessen worden ist. Vielleicht stammt sie in der Tat von den tatarischen Kriegern ab, die nach der Eroberung Chinas durch die Mandschu im 17. Jahrhundert hierhergeschickt wurden, Krieger, die im Laufe der Zeit die unnötig gewordenen Waffen abgelegt und verloren haben, ohne ihren Posten zu verlassen, unbewußt treue Hüter einer Stellung, die ihren Ahnen vor Jahrhunderten anvertraut worden war.
Unser erster Reisetag ist zu Ende. Es ist 2¾ Uhr, als wir die kleine chinesische Herberge betreten, die der Ma-fu Pietro uns als Quartier ausgesucht hat. Wir haben nur 60 Kilometer zurückgelegt. Unsere Matrosen umringen uns freudig; sie teilen uns mit, daß das Gepäck wohlbehalten angelangt sei, daß ein gutes Feuer im besten Zimmer brenne, an dem wir uns trocknen können, und daß Hühner gekocht werden: alles erfreuliche Nachrichten. Die „Itala“ findet ihren Platz zwischen den Wagen, den Maultieren, den Pferden und den Karawanenführern, die sich im ersten Hofe drängen und hier das kennzeichnende, unentwirrbare Durcheinander jeder chinesischen Herberge verursachen.
Übergang über eine kleine alte Brücke an den Berglehnen des Lien-ya-miao.
Nachmittags gehen wir mehrmals ins Freie, auf die zurückgelegte Straße in der Hoffnung, den übrigen Automobilen zu begegnen; wir steigen auf die mit Zinnen besetzten Mauern, von denen der Blick weit in die Ebene hinabschweift. Doch soweit wir zu sehen vermögen, herrscht tiefe Einsamkeit. Um 4 Uhr bemerken wir eine Gruppe von Menschen, die zu dem Dorfe heraufsteigt; sie kommt von der zwei Kilometer entfernten Eisenbahnstation Nankou und zieht etwas. Es ist das Dreirad „Contal“. Pons und sein Mechaniker helfen, niedergeschlagen, schwitzend bei der Beförderung der Maschine. Auf Pons’ Gesicht bemerke ich eine schmerzliche Enttäuschung. Kaum aus den Toren Pekings heraus, mußte er auf die Weiterfahrt verzichten. Das Dreirad, das auf guten Straßen Vorzügliches zu leisten imstande ist, hat sich auf schlechten als unbrauchbar erwiesen. Es hat zwei Lenkräder und ein Bewegungsrad; auf den ersten ruht das Gewicht des Wagens; es ist daher ein enormer Widerstand zu überwinden, und nur eine kleine Kraftquelle zum Antrieb vorhanden; es genügt eine leichte Unebenheit des Geländes, daß das Bewegungsrad sich leer dreht und über den Boden hinstreift. Pons ist gezwungen, umzukehren und seine Maschine mit der Bahn zu befördern; er ist aber entschlossen, um jeden Preis die Mongolei zu erreichen, wo er günstiges Gelände zu finden hofft.