Am Hun entlang bei Ki-mi-ni.

Bald nach Sonnenuntergang schlief Nankou bereits. Auf dem Kang, dem chinesischen Ofenbette, ausgestreckt, in eine Matrosendecke gehüllt, setzte ich in einer schlaflosen Nacht die große Reise fort; ich sandte die Phantasie voraus auf Entdeckung. In der Ferne donnerte der Bergstrom, dessen Lauf wir zwischen den steilen Felsen hatten aufwärts verfolgen müssen. Später ward seine Stimme von dem Plätschern des Regens übertönt, der wieder heftig zu fallen begann. Vom Winde getrieben, schlugen große Tropfen gegen die papierenen Fensterscheiben, als wenn jemand mit den Fingern auf ihnen trommelte.

Es regnete noch, als Pietro mit einer kleinen Papierlaterne in der Hand hereinkam, um uns zu wecken; es regnete, als der Tag anbrach, und es regnete, als wir uns zur Abfahrt entschlossen, nachdem wir vergebens auf den Eintritt schönen Wetters gewartet hatten. Die Kulis standen seit 3 Uhr morgens marschbereit. Um 7 Uhr 25 Minuten verließen wir Nankou. Die Fürstin war in der Herberge geblieben, um mit der Eisenbahn nach Peking zurückzukehren. Don Livio begleitete uns bis zur Großen Mauer.

An das Automobil war die Chinesenhorde angespannt und außerdem drei willfährige Tiere. Die Pekinger Transportagentur hatte versprochen, uns vier Maultiere zu liefern; in Nankou waren jedoch nur ein einziges Maultier, sowie ein altes Pferd und ein kleiner weißer Esel aufzutreiben gewesen. Ein Vertreter der Agentur hatte auf die Vorhaltungen des Fürsten hoch und heilig, unter Anrufung der Götter als Zeugen, versichert, daß die drei Tiere genügen würden, den Ki-tscho bis ans Ende der Welt zu ziehen, und wir, die wir ihn nur bis Kalgan gezogen wissen wollten, gaben uns damit zufrieden.

Im Augenblicke der Abreise brannten die guten Einwohner von Nankou zum Abschiedsgruß einige Petarden ab. So will es der Brauch; der Chinese feiert die Feste mit lärmenden Feuerwerken, und wenn er jemand seine Huldigung darbringen will, so stellt er ein Paar Böller vor die Tür, und im gegebenen Augenblicke geht es bum! bum! Das ist der Gipfel der Ehrerbietung.

Wenige Minuten später verschwand das Dorf hinter einer Biegung des Tales. Der Weg beginnt plötzlich zu steigen und sieht wie eine Rampe mit niedrigen, breiten Stufen aus, von denen jede einzelne die Kulis zu einer Wiederholung des „Lai lai-la!“ nötigt und den Tieren ein drohendes Klatschen mit der Peitsche einträgt.

Der Alte mit der Fahne befand sich natürlich an der Spitze. Die Matrosen gingen zu beiden Seiten des Automobils und stemmten sich von Zeit zu Zeit kräftig mit der Schulter gegen die Räder, als gelte es, eine Kanone auf den Gipfel eines Berges in Stellung zu bringen. Ettore, der allein auf der Maschine saß, eingehüllt in die Falten eines ungeheueren Regenmantels, der ihm das Aussehen eines bretonischen Fischers gab, hielt das Steuerrad mit der Aufmerksamkeit eines diensthabenden Steuermannes und kommandierte seine Scharen durch Ertönenlassen der Hupe. Einmal bedeutete: „Vorwärts!“, zweimal: „Halt!“ Aber die Signale mußten oft wiederholt werden, und bald begann die Hupe der „Itala“ infolge der Anstrengung an Heiserkeit zu leiden, die sie schließlich stumm machen mußte. Pietro schloß den Zug zu Pferde, den Kopf mit einem riesigen Strohhut bedeckt, der infolge einer genialen Anordnung der Bänder die Form eines Damenhutes, Stil Directoire, angenommen hatte. Der wackere Ma-fu trug diese Kopfbedeckung mit großer Würde. Offen gestanden, niemals ist ein sonderbarerer Zug durch die Pässe der Großen Mauer marschiert! Wenn ich noch hinzufüge, daß Don Livio, Don Scipione und ich von Zeit zu Zeit ausruhten, indem wir auf zwei winzigen Saumtieren ritten, die so niedrig waren, daß unsere Füße auf dem Boden schleiften, und so kurz, daß unsere Regenmäntel sie mit dem großartigen Faltenwurf einer Toga völlig umgaben, so habe ich einen weiteren Umstand von höchster Bedeutung für die historische Genauigkeit erwähnt.

Die Landschaft änderte sich jeden Augenblick. Oben tauchten immer neue Gipfel auf, schroff, kahl, von immer seltsamerer Gestalt. Niedrige, schwarze Wolken hingen bis auf sie herab, und der graue Nebel ließ sie entfernter und höher erscheinen; ihre düstere Großartigkeit nahm dadurch noch zu. Unten floß der Bergstrom bald still wie ein Bach und schlängelte sich friedlich zur Seite des Weges unter grünen Sträuchern und Weidengruppen dahin, bald brauste er stürmisch, in wilden Wirbeln, schäumend in engen Schluchten, in denen wir uns vorsichtig vom Rande der Straße entfernt hielten. Alte Befestigungslinien ziehen sich fortwährend von den Gipfeln der Berge bis in den Talgrund hinab, steigen wieder empor und verschwinden in der Richtung auf andere ferne Berge zu. Es sind mit Zinnen versehene Mauern, die Schleichpfade decken, Befestigungen zweiten Ranges im Rücken der Großen Mauer, riesige Wegsperren. Zwischen zwei dieser ungeheueren Verteidigungswerke liegt ein großes Dorf: Kü-yung-kuan.

Wir haben die hohen schwarzen Mauern hinter uns gelassen und befinden uns vor einem wunderbaren Marmorbogen, der auf das geschmackvollste mit Friesen und Figuren geschmückt ist, ein Bogen, den man, aus der Ferne gesehen, als römisch bezeichnen könnte. Riesenhaft hebt er sich von den elenden Dorfhütten ab, ein letzter Rest wer weiß welcher Herrlichkeit und welches Reichtums. Kü-yung-kuan war in den goldenen Zeiten des Reiches der Sitz eines Kommandos, und damals vertrieben sich die militärischen Mandarine, wie einst die römischen Konsuln, die Zeit damit, daß sie sich mit prächtigen Kunstwerken umgaben.

Während wir unseren Aufstieg fortsetzten, überholte uns eine Anzahl eilfertig dahinschreitender Männer mit einer Sänfte auf den Schultern. In der Sänfte saß mit geöffnetem Schirm ein Europäer, den die Einwohner mit Ehrerbietung behandelten. Als er an uns vorüberkam, begrüßte er uns auf englisch. Wir sahen sofort, daß es sich um einen in der Gegend angesehenen Mann handelte; alle kannten ihn und begegneten ihm achtungsvoll. Sie nannten ihn den „alten Herrn, der das Gebirge durchbohrt“. Pietro, der sich nach ihm erkundigt hatte, erklärte uns die Sache. Man muß nämlich wissen, daß die chinesischen Kaufleute bemerkt haben, daß eine Eisenbahn, wenn sie auch die Geister der Ahnen beunruhigt, jedenfalls ein ausgezeichnetes Geschäft ist. Von dieser Wahrheit überzeugt, hatten viele chinesische Kaufleute und Bankiers in Peking den Entschluß gefaßt, eine für den Handel so unentbehrliche Eisenbahn zu bauen, und zwar ohne einen Fremden sich in irgendwelcher Weise einmischen zu lassen: chinesisches Kapital, chinesische Arbeit, chinesische Verwaltung. So bildete sich die chinesische Gesellschaft für die Eisenbahn Peking-Kalgan, die den Verkehr bis Nankou bereits aufgenommen hat. Auch die Ingenieure waren natürlich Söhne des Himmels, die in Amerika studiert hatten.