Alles ging gut, solange die Arbeiten sich in der Ebene abspielten; als sie aber in das Gebirge gelangten, stießen die als Ingenieure tätigen Söhne des Himmels auf ernste Schwierigkeiten. Die Tunnels stürzten ein; nach jedem Einsturz wurden sie nach allen Regeln der Kunst von neuem gebaut und stürzten dann wiederum ein; die Ausdauer der guten Chinesen kämpfte vergeblich gegen die Halsstarrigkeit ihrer Berge. Es fehlte nicht an Leuten, die darin alle Anzeichen eines Protestes des Drachen erblickten, dessen ungeheuerer Körper durch das Bohren verwundet worden war; der Beweis ergab sich aus dem Umstande, daß der Berg Menschen verschüttete. Die Rache war augenscheinlich. Aber der Drache verliert heute außerhalb der amtlichen Kreise an Kredit. So kamen die Kaufleute auf den Gedanken, ob es vielleicht den Teufelskünsten eines abendländischen Ingenieurs gelingen könne, den Sieg über die Hartnäckigkeit des Gebirges von Nankou davonzutragen; die Kunde vom Simplondurchstich war zu dieser Zeit auch nach China gedrungen. Und die Gesellschaft entschloß sich zu dem Frevel und engagierte für die Linie Peking–Nankou einen tüchtigen Ingenieur, dem sie die Leitung der Arbeiten übertrug. Daher erschien nun der „alte Herr, der das Gebirge durchbohrt“, in seiner Sänfte in den Schluchten der Großen Mauer.

Der Aufstieg war beschwerlich, und wir gewährten den Leuten öfters eine wohlverdiente Ruhepause. Auf das Signal, aus Reih und Glied zu treten, ließen sie die Seile los und zerstreuten sich fröhlich in der Nähe, um auf den ersten Pfiff des Alten sofort wieder zu erscheinen. Der Esel, das Maultier und das Pferd weideten miteinander in völliger Eintracht das Gras ab, wobei sie die langen, mit Straßenschmutz bedeckten Zugleinen hinter sich herschleiften. Das Automobil blieb verlassen auf dem Wege stehen, nachdem Steine unter seine Räder gelegt worden waren. Über und über naß, stand es trübsinnig, gedemütigt, mit schlaff niederhängender Flagge da.

Die Mauern von Ki-mi-ni am Fuße des Lien-ya-miao-Gebirges.

Die Matrosen waren guter Dinge, wie ein Matrose immer ist, selbst wenn es regnet, sobald er einen Abstecher an Land macht. Es waren fünf durch Kraft und Geschicklichkeit ausgezeichnete Leute. Der eine war Mechaniker und Photograph; er unterstützte Ettore während des Marsches bei der Überwachung des Ganges der Maschine, und an den Haltestellen erschien er vor uns, bewaffnet mit einem Stativ, einem schwarzen Tuch und einem riesigen photographischen Apparat, den er wer weiß woher hervorgeholt hatte. Von diesem Augenblicke an befanden wir uns unter der unablässigen Beobachtung seines Objektivs, das wie ein Zyklopenauge uns streng überallhin verfolgte. Ein anderer war Krankenpfleger und Koch, der den Kranken wertvolle Dienste, wertvollere aber den Gesunden leistete und stets bereit war, uns nach allen Regeln der Kunst eine Roulade zu wickeln oder einen dampfenden, ebenfalls kunstgerecht gebackenen Eierkuchen zu servieren. Der dritte war Elektrotechniker, der vierte Zimmermann; der letzte sprach chinesisch mit echt sizilianischer Aussprache; er war in Kalgan mit der internationalen Kolonne gewesen, die 1900 dort einmarschierte, und kannte die Straße so genau wie ein Lotse. Alle besaßen die beneidenswerte Gabe guter Laune; alles erschien ihnen eigens dazu geschaffen, sie zu beglücken. Der unablässige Regen, der sogar durch unsere wasserdichten Mäntel drang, erzeugte in uns ein eisiges Gefühl der Niedergeschlagenheit, die Matrosen freuten sich selbst über den Regen. Das Wasser war ihr Element. In ihren durchweichten, an der Brust offenen Leinwanduniformen wateten sie in den Pfützen umher und machten sich über das Wetter lustig. Liebe Gefährten und eine stolze Eskorte für unsere kleine Flagge; bereit zu lachen und bereit, sich, wenn es die Not erheischte, für uns zu schlagen.

Die russische Post auf dem Wege nach Peking.

Ein rauher Ton der Hupe, ein Pfiff, ein Zusammenströmen der Leute, ein Massengesang, ein Peitschenknallen, und der Zug setzte sich von neuem in Bewegung. Es ging hinauf durch das endlos scheinende Tal von Kü-yung-kuan, das immer unwegsamer wurde.

Plötzlich verengt sich das Tal, es scheint sich zu schließen. Man hat den Eindruck, als gebe es keinen Ausweg, als wären die Berge zusammengerückt, um den Durchgang zu versperren. Auf den ersten Blick bemerkt man die enge Schlucht nicht, die sich zur Rechten öffnet, eine Art Spalt zwischen den senkrecht aufstrebenden Klippen, etwa 40 Meter breit, ein Korridor zwischen Felswänden. Durch einen düsteren Landstrich waren wir gezogen, hier betraten wir einen grauenerregenden.

Seit undenkbaren Zeiten müssen die Menschen Furcht vor dieser Gegend gehabt haben, denn sie gilt ihnen als heilig. Vielleicht weil die Reisenden nur mit einem Gebet auf den Lippen sie durchzogen; die Örtlichkeit fordert geradezu zum Anrufen der Götter heraus. Für einfache Gemüter ist das Gebirge an und für sich ein Mysterium, ein Sichaufschwingen der Erde zum Himmel; die hohen Gipfel stehen in Berührung mit der Gottheit. Inmitten der Berge öffnet sich hier plötzlich ein Tor. Alle Stämme, die es durchzogen, müssen darin das Zeichen eines allmächtigen Willens, ein göttliches Werk erblickt haben, das aus unerforschlichen und deshalb schreckenerregenden Gründen geschaffen worden ist. Jene ungefügen Basaltsäulen hatten für die Phantasie die Bedeutung einer Grenzscheide. Jenseits befand sich etwas, vor dem man sich anbetend zu Boden werfen mußte. Geheimnisvolles Dunkel herrschte. Die Reisenden betraten es mit frommer Scheu wie ein Heiligtum. Und das Tal wurde zu einem von der Majestät der Einsamkeit in all ihrer erhabenen Öde umgebenen Tempel.