Unser Einzug glich mitnichten einem Triumphzug. Es wurde uns jener volkstümliche Empfang zuteil, wie er gewöhnlich wandernden Seiltänzergesellschaften bereitet wird; dasselbe Publikum, gutgelaunt, neugierig, zerlumpt, begierig auf den Beginn der Vorstellung und bereit, sich im Augenblick des Einsammelns zu zerstreuen. Wir betraten den Hof der Herberge, und die Leute drängten nach. Das Automobil hielt in der Mitte, und das Publikum bildete einen Kreis um dasselbe. Es gab keine Möglichkeit, die Leute zu entfernen. Was will man? Da draußen sieht man Europäer so selten, kommt so wenig mit ihnen in Berührung, daß man keine Möglichkeit hat, sie näher kennen zu lernen; deshalb haßt man sie auch nicht. Wir hatten ein wohlwollendes, geduldiges Publikum. Es interessierte sich für unsere Kleider, bewunderte uns vom Hute bis zu den Schuhen, lächelte beim Klang unserer Worte und wartete. Es wartete auf irgendein wunderbares Vorkommnis, würdig der Wesen, die für Wundertiere gelten; zum Überfluß erzählten unsere Kulis der Menge von den phänomenalen Leistungen des Ki-tscho.
Ettores Eigenliebe stand unter dem Druck mehrerer Atmosphären; er litt Qualen des unbefriedigten Ehrgeizes. Seitdem wir dem Sohne des Mandarinen begegnet waren, hätte er am liebsten die das Automobil ziehenden Menschen und Tiere losgeschirrt und wäre mit voller Geschwindigkeit in Hsin-wa-fu eingefahren. Schließlich fühlte er plötzlich das Bedürfnis einer Entladung; er drehte die Kurbel des Motors, faßte das Steuerrad und senkte den Auslösungshebel. Das Automobil schoß vorwärts und begann einen rasenden Lauf rund um den Hof, inmitten einer unbeschreiblichen Verwirrung, einer kopf- und besinnungslosen Flucht. Die Zuschauer wußten nicht, wohin sie sich retten sollten, sie liefen hin und her, als wären sie mit einem wildgewordenen Stier in einen Raum eingeschlossen. Aber bald sahen sie ein, daß der Stier abgerichtet war, daß er sich regelmäßig innerhalb des Kreises bewegte, daß er genau auf dieselben Punkte zurückkehrte und nicht die mindeste Absicht hatte, ein Blutbad anzurichten. Jetzt blieben sie stehen. Doch in diesem Augenblick drohte ihnen eine andere, bedeutend ernstere Gefahr. Sie war durch das Tor in Gestalt einer Schar mit Stöcken bewaffneter chinesischer Soldaten eingetreten, die unter dem Befehl eines Offiziers standen, der seinem Äußern nach mehr einem Kuli glich, aber mit goldenen Tressen geschmückt war. Die Stöcke erhoben sich über die Köpfe der Menge und sausten auch auf deren Schultern nieder. Doch nicht lange, denn nach wenigen Sekunden befand sich keine Schulter mehr im Bereich der Stöcke; der Hof war leer.
Unser chinesisches Publikum.
Nach diesem vollen Erfolge nahmen die Soldaten strategische Stellungen ein: zwei Mann am Tore, zwei zu beiden Seiten des Automobils, zwei als Wache auf der Straße, der Offizier in der Küche der Herberge. Der Mandarin von Hsin-wa-fu hatte mit Schutz und Verteidigung nicht gegeizt. Später schickte er einen Beamten mit der Frage, wann wir abzureisen gedächten. Konnte er diensteifriger sein, als er war?
In Hsin-wa-fu gibt es etwas, was ich nie vergessen werde: das Telegraphenamt.
Vor allem, weil ich vier Kilometer zu gehen hatte, um es zu finden, und natürlich vier Kilometer zurück, und an diesem Tage hatten wir bereits ihrer fünfzig zurückgelegt. In einer einsamen Straße innerhalb der Mauern senken sich die Telegraphendrähte von ihren Stangen herab auf ein Haus, das schweigend wie ein Tempel daliegt. In dem Tempel traf ich zwei Telegraphisten an, vertieft in eine wichtige, delikate Beschäftigung, die das chinesische Gesetz neuerdings verboten hat: sie rauchten Opium; sie waren auf dem Kang hingestreckt, hielten ihre klarinettenähnlichen Pfeifen in der Hand und waren eingehüllt in den duftenden schweren dichten Rauch des Betäubungsmittels.
„Kann ich ein Telegramm aufgeben?“ fragte ich höflich, nachdem wir die üblichen Grüße ausgetauscht hatten.
Tiefes Schweigen. Ich setzte mich. Nach einigen Minuten begann ich von neuem: