Der kleine Tempel von Kalgan, dessen Gong die ganze Nacht ertönt.
Nach dem Besuche beim Ta Tsum-ba kam der beim Tu-tung an die Reihe, bei dem tatarischen General, den der tatarische Hof von Peking jedem chinesischen Gouverneur zur Kontrolle an die Seite setzt; er befehligt die Regierungsmilizen und ist daher allmächtig, er ist der eigentliche Schutzherr des gesamten Mandarinentums der Provinz. Der Tu-tung von Kalgan heißt Tschen Sung. Er bewohnt einen tempelähnlichen, von einer roten Mauer umgebenen Palast, und von den hohen Fahnenstangen, die mit seltsamen Anhängseln geschmückt sind, die den Fu, die Amtswohnung, anzeigen, weht neben der Drachenflagge auch die militärische Standarte.
Wiederum gestickte Kleider, Festhüte mit langen roten Fransen, Knöpfe, Jaderinge, Pfauenfedern, bunte Gürtel, Schuhe ohne Absätze, Selbsthändedrücke, Verbeugungen, höfliche Worte, parfümierter Tee, Champagner und Süßigkeiten.
Auch der Tu-tung ist ein Freund der Eisenbahn, selbstverständlich, wenn die Eisenbahn von Chinesen gebaut ist. Aber er ist ein Feind der Tunnels. Er ist einmal mit der Eisenbahn gereist, auf der Linie von Hankou; er ist daher kein lediglich platonischer Kenner; er spricht aus Erfahrung. Solange man im Freien fährt, ist alles gut; wenn man aber in einen Tunnel kommt, so ist der Eindruck ein sehr unangenehmer.
„Aber es ist doch keinerlei Gefahr dabei“, bemerkte Fürst Borghese.
Das wußte der tatarische General sehr wohl, daß keine Gefahr dabei war, Teufel noch mal! Der unangenehme Eindruck rührte von der Dunkelheit her.
„Man nimmt an, es sei Nacht!“ warf der Fürst lachend ein.
Ah, das ist nicht dasselbe. Der Tu-tung gibt durch den Dolmetscher eine Erklärung und enthüllt dadurch etwas von den unbekannten Horizonten der chinesischen Seele, etwas von der fein entwickelten orientalischen Empfänglichkeit für Sinneseindrücke.
„Die Dunkelheit der Nacht und die der Tunnels sind durchaus verschiedene Dinge. Sie gleichen sich nicht im geringsten. Die der Nacht ist süß, die der Tunnels herb ... Es besteht zwischen beiden ein so großer Unterschied wie zwischen Freude und Schmerz ... Die Dunkelheit der Nacht löst, die Dunkelheit der Tunnels bedrückt ...“
Nach dieser Vorlesung über die verschiedenen Dunkelheiten kehrten wir zur Bank zurück, gerade noch zur rechten Zeit, um den Gegenbesuch des Ta Tsum-ba entgegenzunehmen. Es kamen kleine Wagen mit den Beamten des Gefolges an. Die ganze Umgebung war gedrängt voll Menschen, deren Rufe uns die Annäherung des Mandarinen verkündeten. Eskortiert von Soldaten, erschien eine von einer Menschenschar getragene Sänfte im Hofe, und heraus stieg Te Tsui in prächtiger, goldgestickter Kleidung, mit einer Amethystkette um den Hals, einen Fächer in der Hand. In der Russisch-Chinesischen Bank hörte man nichts als das Rauschen von Seidenstoffen.