In der südlichen Mongolei.
Beim Weggehen wollte der Ta Tsum-ba den Ki-tscho sehen. Er fand die Vorrichtung, die Hupe ertönen zu lassen, ohne mit dem Munde hineinzublasen, sehr sinnreich. Aufmerksam beobachtete er, wie die Maschine vorwärts und rückwärts fuhr, und stieg dann wieder in seine Sänfte, nachdem er uns nach europäischer Sitte die Hand gedrückt hatte — ein Zugeständnis an unsere Gebräuche, das er der Persönlichkeit der Fremden und der Natur des Ortes gemacht hatte.
„Tsou-ba! Platz!“ riefen die Soldaten der Menge zu, die Stöcke in der Luft schwingend, und das Gefolge entfernte sich.
Unser Lager in der Mongolei.
Dann kam der Tu-tung mit einem noch größeren Gefolge. Wir waren ganz geschwollen von Stolz und Tee, namentlich aber von Tee. Nicht auszurechnen ist die Zahl der Tassen, die die Etikette uns zu trinken genötigt hatte. Es war Nacht, und immer noch erhielten wir Höflichkeitsbesuche. Der Samowar des Herrn Dorliac war beständig in Tätigkeit und dampfte wie eine Lokomotive. Zur Stunde des Abendessens kam noch E-Le-He-Tai. Er ist Mandarin und Dolmetscher des Wai-wu-pu, spricht und schreibt englisch und hatte keine Gelegenheit gefunden, uns während der Anwesenheit des Ta Tsum-ba seiner Freundschaft zu versichern. Um sie uns auszudrücken, kam er, in rote Seide gehüllt; er sah darin aus wie ein chinesischer Kardinal. Er hatte wertvolle Geschenke bei sich, die er uns zum Andenken verehren wollte: für den Fürsten eine große gestickte Börse, für mich ein Parfümsäckchen, gefüllt mit Kampferharz, das die Chinesen kauen, um dem Atem einen Geruch nach Kleidern zu geben, für Ettore einen Tabaksbeutel. E-Le-He-Tai war Automobilenthusiast; er bat um die Erlaubnis, eine Rundfahrt zu machen, was ihm gestattet wurde. Es schien mir, als repräsentiere unser lieber Freund in der chinesischen Orthodoxie die sympathischste moderne Richtung; aber dort draußen ist es gefährlich, modernen Anschauungen zu huldigen. Die große Exkommunikation trifft so schwer!
Selbst einige Bonzen eines benachbarten Tempels, der sich malerisch an den Abhang des Schi-schan lehnt, kommen, um sich das Automobil anzusehen. Der Tempel hat ein Gong, das während der ganzen Nacht jede Minute einen Schlag tut. Endlich blieben wir allein mit diesem tiefen, angenehmen, unsagbar feierlichen, einlullenden Ton, der unermüdlich wie eine stete Mahnung erklang. Unsere Phantasie trug uns in weite Fernen, und dieser immerfort sich wiederholende Schlag war für uns eine ernste Erinnerung, eine Stimme, die sich unsertwegen erhob, eine Stimme, die den Raum erfüllte, die sich mit der Regelmäßigkeit eines gewaltigen Atems ausbreitete, mächtiger, tiefer, geheimnisvoller wurde, herüberzitterte wie ein ferner Chor, eine Vereinigung von tausenderlei Lauten und tausenderlei Klagen. Es war, als vernähmen wir die märchenhafte Stimme der chinesischen Nacht.
Der folgende Tag — es war der 15. Juni — wurde auf eine Erkundung zu Pferde in der Richtung auf die Mongolei zu verwandt. Die Straße erwies sich als teilweise für den Motor fahrbar. Die letzten Anhöhen würden mit Hilfe der Kulis und der Maultiere überstiegen werden. Dann begann die Steppe. Nach der in den vorhergehenden Tagen ausgeführten Fahrt erschien uns alles andere leicht. Aber eine andere Gefahr drohte uns, der Regen. Das Tal des Schi-schan-ho ist in Regenzeiten plötzlichen reißenden Überschwemmungen ausgesetzt, und da die Straße ganz mit dem Bette des Flusses zusammenfällt, haben die von der Wut des Wassers überfallenen Karawanen keinen Ausweg. Häufig kommen Unglücksfälle dabei vor, und jedes Hochwasser schwemmt bei Kalgan neben entwurzelten Bäumen, Kadavern von Maultieren, Kamelen, Schafen auch menschliche Leichen an. Es regnete mehrere Stunden, und das Wetter drohte noch schlechter zu werden. Wir warteten daher mit Ungeduld auf die Ankunft der andern Automobile, von denen wir nur wußten, daß sie in Hsin-wa-fu eingetroffen seien.
Es gibt zwei Straßen, auf denen man von Kalgan nach Urga gelangen kann. Die Hauptstraße, zugleich die bekannteste, ist die sogenannte Mandarinenstraße, die auf etwa 800 Kilometer etwas nach Nordwesten bis zum Dorfe Sair-ussu ausbiegt; hier teilt sie sich in zwei Arme, von denen der eine sich nach Norden wendet und nach Urga führt, der andere nach Westen abbiegt, die Berggegend des Altai durchschneidet und über Kobdo, quer durch das Gebiet der Kalmücken, Semipalatinsk erreicht. Die andere Straße wendet sich etwa 40 Kilometer von Kalgan nach Norden und führt geradeswegs nach Urga. Die erstere ist die belebtere; sie hat Poststationen und Märkte, wird von chinesischen Wagen befahren und wird allgemein bevorzugt, trotzdem sie einige hundert Kilometer länger ist. Die zweite ist nur ein Saumpfad für Kamele und führt durch Landstriche, die von Anfang bis Ende völlig öde und wüst sind. Die Chinesen unterscheiden beide Straßen durch die Bezeichnungen „Wagenstraße“ und „Kamelstraße“. Wir wählten die Kamelstraße.