Unsere Wahl ist logisch begründet, so seltsam sie erscheinen mag. Der Verkehr im allgemeinen und der Wagenverkehr im besonderen richtet das Gelände zugrunde und macht es für das Automobil schwer passierbar. In der Mongolei und in der Wüste Gobi konnten wir auf jungfräulichem Terrain rasch fahren. Auf gewissen Ebenen ist die beste Straße für Automobile dort, wo es überhaupt keine Straße gibt. Wenige Jahre zuvor hätten wir uns nicht ohne Führer auf die endlosen mongolischen Steppen und in die Wüste wagen können; jetzt gibt es auf der Kamelstraße einen unfehlbaren Führer: den Telegraphen. Man folgt blindlings auf etwa 1200 Kilometer der Linie der Stangen und gelangt nach Urga. In so fernen Landstrichen, in den unermeßlichen Einöden Zentralasiens bedeutete die Nähe des Telegraphen für uns die Nähe unserer Welt. Dies war ein weiterer Grund für unsere Wahl.

Am Morgen des 16. Juni, um 8 Uhr, hörten wir den Lärm einer großen Volksmenge. Wir eilten auf die Straße. Eine Nachricht hatte die Stadt von der Brücke über den Ta-ho bis zur Russisch-Chinesischen Bank mit Blitzesschnelle durcheilt: „Sie kommen!“ Es waren unsere französischen Freunde, die in diesem Augenblick ihren Einzug in die untere Stadt hielten. Wir gingen ihnen entgegen, um sie freudig willkommen zu heißen. Händedrücken, Begrüßungen, Erzählungen. Sie hatten die Nacht im Lager dreißig Li vor Kalgan zugebracht. Ihr Weg war ebenfalls mühsam gewesen, aber abends angenehm unterbrochen worden durch das Lagerleben mit seinen mannigfaltigen Beschäftigungen, der improvisierten Küche unter freiem Himmel, den Kämpfen gegen den Regen, dem Erwachen beim Morgengrauen. Unterhalb des Lien-ya-miao hatten sie eine Furt durch den Hun entdeckt und einen zwar malerischen, aber gräßlichen Aufstieg umgehen können; sie hatten aber keine Möglichkeit gefunden, den andern, rauheren und schwierigeren Passagen auszuweichen.

In einem Augenblicke erschien der Hof der Bank in eine Werkstatt verwandelt. Überall Öl- und Benzinbehälter, Schraubenschlüssel, Hämmer, Gummi, Ersatzstücke in buntem Durcheinander umhergestreut. Die Automobile zeigten durch die Gehäuseöffnungen unverhüllt ihr Inneres und bequemten sich der Toilette an. Die Mechaniker krochen auf allen vieren zwischen die Räder, streckten sich hier aus, drehten mit eingefetteten Händen an Gewinden, schraubten Verschlußstücke los, hämmerten und putzten. Alle überflüssigen Teile wurden entfernt und weggeworfen, um die Maschinen leichter zu machen; Pons sägte seine Schutzbretter ab, Bizac nahm die „Schalldämpfer“ heraus, jene schweren Zylinder, die das Gas zusammenpressen, um es ohne Geräusch entweichen zu lassen. Dann wurden die Motore geprobt, behorcht, nochmals geprobt, und der Hof füllte sich mit Lärm, Rauch und Gestank. Am Abend waren alle Automobile reisefertig. Unser Gepäck hatte sich um einige Ziegenfelle vermehrt, die Pietro auf dem Markte für uns eingekauft hatte.

Mongolenknaben.

An jenem Abend wurde am Tische des Herrn Dorliac ein melancholisches Mahl gehalten. Wir waren etwas müde und hatten uns nichts mehr zu sagen, da die Geister von demselben Gedanken erfüllt waren und die Gemüter von derselben Ungeduld brannten. Wir standen im Begriff, mit Kalgan jede Berührung mit der Zivilisation zu verlassen. Bis dahin hatten wir uns in der Lage befunden, von Peking rasch Hilfe zu erhalten, wir waren durch bevölkerte, reiche Landstriche gezogen und waren stets von einer Menge Menschen umgeben gewesen. Die Rückkehr wäre leicht gewesen; das Meer war nahe, und das Meer ist die Straße nach Hause. Von morgen an aber würden wir ins Unbekannte hinausgeschleudert werden, ganz allein. Der Augenblick war entscheidend, wie das „Los!“ des Luftschiffers. Auch wir würden in einem gegebenen Augenblicke zu unseren Leuten sagen: „Los!“ und in einer Unendlichkeit verschwinden. Die Abfahrt von Peking war uns nicht so feierlich erschienen wie diese Abfahrt, die wir mit fieberhafter Sehnsucht und mit Beklemmung im Herzen erwarteten. Denn in Peking hatten wir Kalgan vor uns, in Kalgan aber das Innere Asiens, ein unbekanntes Land, das mit Zaubergewalt lockte. Urga, die nächste Stadt, war sieben Längengrade, d. h. fast 800 Kilometer entfernt! Am Ende des Mahles stießen wir mit den vollen Bechern brüderlich an — Franzosen, Italiener und unser russischer Gastfreund —, und nachdem wir noch aufrichtige Glückwünsche ausgetauscht hatten, trennten wir uns, indem wir einander an die Stunde der Abfahrt erinnerten.

„Also um 4 Uhr?“

„Um 4; angenehme Ruhe!“

„Au revoir!“