Der letzte chinesische Tempel.

Sechstes Kapitel.

Durch die mongolische Steppe.

In einem Flußbett. — Zwischen den Türmen der „Wan-li-tschang-tscheng“. — Hinaus in das grüne Meer! — Im Lager. — Mongolische Gastfreundschaft. — Der Wüste entgegen. — Pang-kiang.

„Verlassen heute Kalgan. Überschreiten soeben mongolische Grenze. 8 Uhr morgens. Prächtiges Gelände. Haben mit dem Motor das Bett des Flusses Schi-schan 25 Kilometer weit durchfahren. Überschreiten unschwer 1828 Meter Höhe. Entzückende Landschaft.“

Diese Depesche, die ich stehend in Eile auf ein Blatt meines Notizbuches geschrieben hatte, übergab ich am Morgen des 17. Juni einem jungen, liebenswürdigen Attaché der französischen Gesandtschaft, der uns zu Pferd bis zum Saume der Steppe begleitet hatte. Ich beschwor ihn, sie noch vor Abend im Telegraphenamte zu Kalgan aufzugeben. Hätte ich ihm ein Dokument überreicht, von dem die Rettung eines Heeres abgehangen hätte, so würde ich nicht weniger feierlich bei meiner Bitte und nicht weniger glühend bei meinem Danke gewesen sein.

Ein Journalist ist stets geneigt, das Abhandenkommen eines Telegramms als einen schweren Verlust zu betrachten. Er hat etwas von der Leidenschaft des Historikers an sich, und eine verlorene Depesche bedeutet für ihn eine unausfüllbare Lücke in der selbstdurchlebten Geschichte, die er schreibt. Und dann hat er eine Art Mutterliebe für seine eiligen Aufzeichnungen und begleitet sie in Gedanken auf ihrem weiten Wege; er berechnet die Stunden, die sie brauchen werden, um an den Ort ihrer Bestimmung zu gelangen, er berechnet die Zeitunterschiede zwischen den einzelnen Ländern, sieht die Depesche in der Redaktion ankommen, zur Nachtzeit, im Augenblicke der Arbeit; er verfolgt sie bis zu den auf einem großen Tische unter dem Lichte der elektrischen Lampen liegenden Papieren. Ihr Verschwinden ist ihm gleichbedeutend mit einem Verrat. Reisen, Kosten, Mühen können vergeblich werden infolge eines nichtigen Zufalls, der eine Depesche auf dem Grunde einer Tasche oder auf dem Grase eines Seitenpfades liegenbleiben läßt. Zu der Pünktlichkeit des journalistischen Dienstes tragen die mannigfachsten Umstände bei: die Geschwindigkeit eines Pferdes, die Ehrlichkeit eines Chinesen, das schöne Wetter. Die Ungewißheit über das Schicksal seiner Arbeiten ist eine der peinlichsten Qualen für einen Berichterstatter in fernen Ländern, der genötigt ist, zu jedem sich ihm bietenden Mittel zu greifen, um seine Depeschen zur nächsten Telegraphenstation zu befördern, der in die Unmöglichkeit versetzt ist, direkte Mitteilungen zu erhalten, der, abgeschnitten von jedem Verkehr, über alles im Dunkeln bleibt und dem Zweifel zum Opfer fällt.

In der mongolischen Steppe, verfolgt von einer Kavalkade mongolischer Reiter.