Ich legte unermeßlichen Wert auf die Absendung jenes kurzen Telegramms; es war mir in diesem Augenblicke, als enthielte es die wichtigste Nachricht von der Welt: „Überschreiten soeben mongolische Grenze.“

Ich wiederholte allen diese Worte mit einer Art begeisterten Staunens. Wir befanden uns in einem grasreichen Tale, zwischen schwellenden, weichen Hügeln, die die Vorstellung erweckten, als pflanze sich jene Bergkette, die wir überstiegen hatten und im Osten noch hoch emporragen sahen, in unendliche Fernen auf jener Ebene fort. An der Ausmündung des Tales bemerkten wir, wie die Steppe als gleichförmige Ebene mit dem Horizont verschwamm. Wir hatten haltgemacht, um die letzten Vorbereitungen zu treffen.

Die Morgenfahrt war herrlich gewesen. Wir hatten mit dem Aufbruch warten müssen, bis die Tore Kalgans geöffnet wurden. Einer Gewohnheit zufolge, die unzweifelhaft auf die Zeiten der Kriege und Überfälle zurückgeht, schließen die Städte Chinas allabendlich ihre Tore, an die Soldaten als Wache gestellt werden. Auf den öden Straßen waren wir bis zu einem verschlossenen Tor und einer schlafenden Wache gelangt. Die Wache wurde munter, das Tor wurde geöffnet, und beim ersten Morgengrauen fuhren wir in dem engen Tale des Schi-schan-ho im Zickzack auf dem Flußsande hin, um den Felsblöcken und den Steinen auszuweichen.

Das von steil ansteigenden Hügeln eingeschlossene Tal lag noch in tiefem Schatten, selbst als die Spitzen der Berge im rosigen Lichte der aufgehenden Sonne zu schimmern begannen. Oben herrschte bereits der Tag, die Nacht zog sich in die Tiefe zurück; sie schien sich verbergen zu wollen, um nicht besiegt zu werden, sie zögerte zu verschwinden und hüllte die Windungen der Schlucht, durch die wir mit der Geschwindigkeit von 20 Kilometern die Stunde aufwärts fuhren, in violette Halbschatten ein.

Die an den Zylindern des Motors angebrachten Auspuffrohre stießen die Verbrennungsgase unter starken Explosionen aus, die wie Karabinerschüsse klangen und so rasch und zahlreich aufeinanderfolgten, daß man hätte glauben können, neben uns sei ein Maschinengewehr in voller Tätigkeit. Das Echo dieses Getöses erfüllte das ganze Tal. Wir mußten schreien, um uns verständlich zu machen. Pietro schien vor Schreck halbtot. Wir hatten nämlich auch ihn mitgenommen; er war auf das Gepäck geklettert und hatte sich an die Seile festgebunden, um bei den Schwankungen und Stößen des Automobils nicht herunterzufallen. Hier blieb er still und ohne sich zu rühren sitzen und wünschte vielleicht in seinem Herzen, sich lieber auf dem Rücken des wildesten Pferdes von China zu befinden als da oben!

„Geht es gut, Pietro?“ fragte ihn der Fürst in aller Harmlosigkeit, während er die Maschine lenkte.

Und Pietro entgegnete mit beredtem Zögern:

„J.. J.. Ja!“

Auf einer Anhöhe erhebt sich ein großer Felsen von seltsamem Aussehen, ähnlich den Trümmern eines mittelalterlichen Kastells mit spitzen Zacken, die an die Ruinen von Türmen erinnern. Das Kastell ist durchlöchert; vom Tale aus sieht man den Himmel durch eine Öffnung des Felsens, die so regelmäßig ist, daß sie dem Bogen einer massiven Brücke gleicht. In der Morgendämmerung zeigte sich jene eigenartige Naturbildung, die sich schwarz und scharf von dem klaren Himmel abhob, in düsterer Großartigkeit. Die das Tal passierenden Mongolen betrachten sie mit fast religiöser Scheu.

Es knüpft sich eine Sage an diesen Felsen. Als Dschingis Chan, der Eroberer, der im Gedächtnis der Mongolen als Gott weiterlebt, an der Spitze eines Heeres dieselbe Straße zog, die wir im Automobil durchfuhren, machte er unter dem vom Zufall geschaffenen seltsamen Kastelle halt, und da er ihm eine kriegerische und feindliche Bedeutung beimaß, nahm er einen Pfeil aus seinem Köcher, legte ihn auf die Sehne seines Bogens und schoß ihn ab. Der Pfeil durchbohrte den Felsen in voller Länge. Die Folge dieses kaiserlichen Schusses war jenes Loch; die Brückenöffnung ist nichts anderes als die dem Felsen durch Dschingis Chan zugefügte Wunde. Allerdings ist die Wunde so groß, daß ein Mann zu Pferd und vielleicht auch im Automobil bequem hindurchkommen könnte. Wer vermag aber zu sagen, wie dick die Pfeile Dschingis Chans und wie stark sein Arm gewesen sind?