Gegen das Ende verengert sich das Tal, und das Flußbett wird zu einer tiefen Schlucht. Es begann der letzte Aufstieg. Am Fuße der Bodenerhebung erwarteten wir die Kulis, die in der Nacht von Kalgan aufgebrochen und noch nicht angelangt waren. Die übrigen Automobile waren zurückgeblieben und folgten uns langsam. Wir betrachteten soeben einen alten Tempel, der sich in der Mitte des Abhanges erhob, als wir auf dem steinigen Fußpfade ein seltsames Wesen auftauchen sahen.
Mongolische Reiter.
Es war ein riesengroßer, klapperdürrer Chinese, der einer großen ausgetrockneten Mumie glich. Sorgsam trug er eine Schale mit Eiern, eine Teekanne und Tassen und näherte sich uns, als er uns erblickt hatte, unter tiefen Bücklingen. Sein gelbes, knochiges Gesicht zeigte das breite Grinsen eines Totenkopfes. Er setzte die Schale auf die Erde, goß den Tee in die Tassen und reichte sie uns, dann bot er die Eier an und begrüßte uns. Wir verdankten dem Ta Tsum-ba die Ehre seiner Bekanntschaft. Unser guter Freund hatte den Behörden der Bezirke, durch die unser Weg führen mußte, den Befehl erteilt, uns ihre Huldigung darzubringen. Aber in jenen wüsten Gegenden gab es nur eine amtliche Persönlichkeit, und dies war eben jene wackere, grinsende Mumie, der Vorsteher einer kleinen, armen Gemeinde, die sich auf dem Gebirge eingenistet hatte. Er war bei Tagesanbruch bis zu dem kleinen Tempel herabgestiegen, wo er sich niedergelassen hatte, um das Teewasser zum Sieden zu bringen, die Eier zu kochen und uns zu erwarten. Als er uns von weitem gesehen hatte, war er mit seinen langen Beinen aufgesprungen und uns entgegengeeilt. Wir verabschiedeten uns freundlich von diesem Vertreter der hohen Obrigkeit, und der Vertreter der hohen Obrigkeit beeilte sich, uns ein Notizbuch zu reichen und uns durch Gesten anzudeuten, wir möchten uns einschreiben.
„Wie!“ riefen wir aus. „Ein Autographensammler?“
„Will Schrift,“ belehrte uns Pietro, „um Ta Tsum-ba zu zeigen, daß hat gehorcht seinem Befehle.“
„Aha, ein Zeugnis des Wohlverhaltens also!“
Und der Fürst und ich schrieben alles mögliche und erdenkliche Gute über den dürren Mann nieder, der inzwischen ruhig seine Eier aß und seinen Tee trank.
Bald darauf, nachdem die Kulis mit fünf Maultieren angekommen waren, sahen wir das Tal des Schi-schan-ho zu unseren Füßen in die Tiefe sinken und sich entfernen. Wir erklommen die Höhen der letzten Großen Mauer.
Nur die Türme der ungeheueren Wan-li-tschang-tscheng sind übriggeblieben. Zwischen je zwei Türmen dehnt sich ein langgestreckter Steinhaufen aus. Dies ist alles, was von den eingestürzten Mauern erhalten ist. Sie bestanden aus Lehm, die Türme aus Stein. Deshalb stehen diese auch nach einer Lebensdauer von 21 Jahrhunderten noch fest auf ihrem Wachtposten. Sie wurden 200 Jahre vor Christi Geburt errichtet. Seitdem sind so viele Städte vom Erdboden verschwunden, Völker sind zerstreut, Kulturen vernichtet, Reiche zerstört worden, nur diese Türme blieben; vor allem, weil sie zwecklos geworden sind. Auf der Welt hält wunderbarerweise alles das aus, was zwecklos und überflüssig ist, weil niemand Hand daran legt.