Aussicht in das Schi-Schan-ho-Tal mit den Türmen der äußersten Großen Mauer.

Diese vereinzelt stehenden Türme erscheinen, aus der Ferne gesehen, auf dem kahlen Gebirge riesenhaft groß. Sie erheben sich in solchen Zwischenräumen, daß die menschliche Stimme noch vom einen zum andern dringen kann; sie wurden so angelegt, damit der Ruf der Wachen ihre Kette entlang lief. Nachts rief ein Turm den andern an.

Das Automobil wurde von den Kulis auf einem gewundenen Pfade weitergezogen; der Fürst aber und ich stiegen die Felsen in gerader Linie zu den ersten Türmen hinauf. Oben machten wir halt, voller Bewunderung über das erhabene Schauspiel, das sich unseren Augen in der Klarheit des Morgens darbot. Wir sahen die grenzenlose mongolische Hochebene, die genügend weit entfernt war, um noch den Eindruck eines Ozeans zu machen. Im Westen stürzt sie plötzlich senkrecht auf die unter ihr liegenden Ebenen des Hoang-ho, einem ungeheueren tiefblauen Wasserfalle gleichend. Unten, uns näher, breitet sich eine seltsame Landschaft aus, wie man sie sonst nur im Traume erblickt, eine unermeßliche Anhäufung rötlicher Hügel, nach jeder Richtung hin zerschnitten, zerhackt, durchfurcht von Tausenden unfruchtbarer Schluchten, die untereinander verschieden und doch ähnlich waren wie Meereswogen; in der Ferne wurden sie blasser, bis sie die phantastische Farbe lebender Nacktheit annahmen; es war ein rosafarbenes Chaos, ein sturmgepeitschter, zu Stein gewordener Ozean. Im Osten erhob sich riesengroß das Gebirge des großen Chingan, eine gewaltige Bergreihe, die in dem grellen Lichte verschwamm und sich auflöste, und jenseits deren wir die weiten Ebenen der Mandschurei ahnten.

Nach kurzer Zeit begannen wir den Abstieg. Wir betraten den Boden der Mongolei. Es war 8 Uhr. Von der Höhe aus bemerkten wir in den benachbarten Tälern die Dächer elender Dörfer, die sich zwischen die Geländefalten schmiegten, um vor den Wüstenwinden Schutz zu suchen.

Nach Norden geht es sanft abwärts; die Steppe beginnt fast plötzlich. Die Felsenregion endet bei den Türmen. Man befindet sich jetzt in einem andern Lande. Wenn China auch auf diesen Gebirgskämmen keine Grenze mehr besitzt, so wahrt die Natur doch eifersüchtig die ihre. Wir kommen an einer Karawanenstation vorüber; etwa 50 mit Ochsen bespannte Wagen, die von Sair-ussu kommen, hielten bei einer armseligen Hütte. Die Ochsen, denen das Joch abgenommen war, weideten ringsum: kleine, schwarze Tiere mit langen Hörnern, von einer besonderen Rasse, die den Strapazen und Entbehrungen der weiten Fahrten widersteht. Aus der Hütte trat ein Chinese, wieder ein Beamter, aber ohne Eier und ohne Tee, der gemäß den Befehlen des Ta Tsum-ba gekommen war, uns seine Dienste anzubieten. Don Scipione bat ihn nur um die Gefälligkeit, uns die Kamelstraße zu zeigen.

Wir befanden uns noch auf der Straße nach Sair-ussu. Bis zur ersten Poststation mußten wir ihr folgen. Diese war daran kenntlich, daß sich eine Fahne und Soldaten dort befinden, hauptsächlich aber daran, daß im Umkreise von vielen Kilometern kein anderes Gebäude zu sehen ist. Wir liefen also keine Gefahr, den Weg zu verfehlen. Von der Station aus hatten wir einfach der Telegraphenlinie zu folgen. Der Telegraph, unser amtlicher Führer, trat in Tätigkeit.

Eine Stunde später machten wir auf einer Wiese halt. Wir befanden uns etwa 50 Kilometer von Kalgan entfernt. Gegen 11 Uhr kamen die übrigen Automobile nach. In fieberhafter Eile begannen die letzten Vorbereitungen. Die endgültige Auswahl des mitzunehmenden Gepäcks erforderte viel Zeit und Mühe; die Ballen wurden zugeschnürt und wieder aufgeschnürt; stets war etwas zuviel oder zuwenig darin. Auf dem Grase lagen Pelze, Biskuitschachteln, Säcke, Stricke bunt durcheinander. Das Überflüssige wurde den Kulis überlassen: Feldbetten, Matratzen, leere Ölkannen. Die Motoren wurden noch einmal geprüft, kontrolliert, erprobt, jeder Teil der Maschine einer genauen Revision unterzogen. Die „Itala“ wurde mit einem großen, baldachinartigen Zelte überspannt, das an den Ecken durch vier eiserne Klammern festgehalten wurde; es sollte uns nachts, in anderer Weise befestigt, als Obdach dienen.

Der chinesische Telegraphenbeamte in Pang-kiang mit seinem Töchterchen.