Mongolen.
Hätten wir zu unseren Häuptern noch den herrlichen Schutz des Zeltdaches gehabt, so hätten wir der Sonne spotten können. Jetzt konnten wir uns zum Troste nur sagen: „Auch das wird vorübergehen!“
Wir folgten der unendlichen Linie der Telegraphenstangen in einer Art Traumzustand. Jene Linie hatte etwas Verführerisches an sich. In dieser schrecklichen Eintönigkeit gewährte sie dem Auge eine Abwechslung, die uns Anregung bot. Bald lief sie geradeaus wie ein phantastischer, dünner, schwarzer, von einem Horizonte zum andern gezogener Strich, bald zeigte sie die Stangen in einer regelrecht ausgeführten Schwenkung wie Soldaten bei einer Übung. Der Vergleich mit Soldaten drängte sich uns namentlich dann auf, wenn wir die Stangen in Reih und Glied den Abhang einer Anhöhe emporklimmen sahen. An den Übergängen nahmen die sich eng aneinanderschließenden Linien oft überraschende nebelhafte Gestalten an, bald ähnlich der Spitze eines gotischen Turmes, bald einem in unendlicher Ferne liegenden zerklüfteten Berge gleichend. Wir beobachteten all diese Einzelheiten mit kindischer Aufmerksamkeit. Es kamen uns Gedanken von erschreckender Albernheit. Ich überraschte mich einige Male dabei, wie ich mechanisch die Stangen zählte, indem ich bei irgendeiner anfing, um mich schließlich doch zu verzählen. Für den aber, der nicht steuert, ist das Niederdrückendste auf einer derartigen Reise die Untätigkeit. Zuerst beobachtet man, sinnt nach, dann phantasiert man, und schließlich geht das müde Denken in Stumpfsinn über; kein Gesichtseindruck erweckt es wieder, und so bleibt man in einem Zustande schweigender, ruhiger Empfindungslosigkeit. Der Geist entschlummert und lullt sich in die süße Geistesabwesenheit des Traumes ein.
„Eine Jurte!“ rief der Fürst aus.
Es war 2 Uhr nachmittags. Diese Worte rüttelten uns plötzlich auf, als hätten sie ein Wunder angekündigt.
„Wo, wo?“
„Dort, linkerhand, unter jenen Felsen!“
„Wir kehren in die Welt zurück!“
„Es werden wandernde Nomaden sein. Es gibt hier keine Weideplätze. Wer kann hier leben?“
Wir betrachteten die Jurte, vor der ein Pferd angebunden war. Nach kurzer Zeit entdeckten wir ein beladenes Kamel, das von einem Mongolen geführt wurde, der stehenblieb und uns lebhaft zuwinkte. Wir warteten auf ihn, und der Mongole eilte unter tiefen Verbeugungen auf uns zu, zog aus seinem Rocke ein großes in ein Tuch geschlagenes Paket hervor und begann es langsam zu öffnen. In dem Paket befand sich ein zweites, in dem zweiten ein drittes... Aus dem letzten Paket endlich kam ein Telegramm zum Vorschein, das der Mann uns feierlichst überreichte.