Und Estellas Porträt sollte das ganz Besondere werden. Ein Frühlingsgedanke; und alle, die es einst sehen würden, sollten das gleiche Empfinden haben wie er, da er sie zum ersten Mal sah. –
Stundenlang währten die Sitzungen; Ermüdung kannte er nicht. Nur das Mädchen wurde ganz steif und starr vor lauter Sitzen und Stillhalten und musste ab und zu aufspringen, sich bewegen, und jedesmal wenn es zurückkam und sich wieder auf die Gartenbank setzte, war es köstlicher und erfrischter als zuvor. Es eignete sich ihr bewegliches Gesicht schwer zum längeren Festhalten; die Züge wurden kälter, reizloser; ihr Element war Bewegung, in dem sie so schön gedieh.
Im Halbbogen um die Bank, auf der sie sass, standen Haselnussstauden – aber in ehrfürchtiger Entfernung, als wollten sie sich nicht zu nahe an dieses flammende Haar wagen.
Es war ein heiterer, behaglicher Platz, den sie sich in dem grossen Garten ausgesucht hatten; ungestört und verschwiegen.
Nach und nach begannen sie mehr miteinander zu reden. Ein Wort holte so das andere heraus und mit jedem wuchs Estellas Vertrauen. Denn seine Worte waren schön und glänzend, hinter denen er seine Vorsätze klug verbarg und auch der Ernst des Ehrgeizes lag so überzeugend über seinem Wesen.
Und sie öffnete die Tore ihrer Seele und liess das Neue einziehen und zeigte dabei schüchtern all' ihren keuschen Reiz.
Sie erzählte ihm die kleinen, inneren Ereignisse ihres Lebens, ohne dass er darnach frug. Und was sie sprach, war lauter durch und durch. So wahrhaftig als spräche sie vor ihrem Richter.
Alle die kleinen Geschichten ihres einfachen Lebens erstanden vor ihm ungeschmückt, so wie sie sich zugetragen. Da wurde nirgends ein Ecklein abgerundet oder eines dazu gesetzt, besserer Wirkung zuliebe.
Anders bei ihm, er sprang um mit der Wahrheit wie mit einem Knecht, den er heute dingen und morgen entlassen kann. Darum war sie gehässig geworden und verfolgte ihn. Und er fürchtete sie. – –
Einmal frug ihn Estella – es war vielleicht am achten Nachmittage, an dem sie ihm sass – nach manchem andern, ob er das schon empfunden habe, wie die Seele auffliegen möchte und nicht kann.