»Warum kann sie es denn nicht?« gab er zurück und mischte die eigensinnigen Farben beharrlich auf seiner Palette.
»Weil da zu viele kommen mit den Scheren und ihre Flügel stutzen«, sagte sie mit fast traurigem Gesichte, »und herumschneiden an einer jungen, flügge werdenden Seele.«
Sie dachte nach und fuhr dann lebhaft fort:
»O, so ein Mädchen wird gut erzogen! Da gibt es Väter, Mütter, Lehrer in seinem Leben; alle sind alt und voll von Weisheit und sie eilen eifrig und besorgt an ihre Arbeit. – Halten Sie das für gut, dass man recht bald alt und weise werde?«
»Altwerden ist entsetzlich!« rief er heftig und schnell.
»Dieses Altwerden meine ich nicht,« fiel sie ein. »Das ist ein Absterben. Aber es gibt doch ein schönes Ausreifen und Gewordensein, wo man neidlos und erhaben, wie von einer Brücke aus, sein Leben der Jugend vorbeiziehen sieht.«
Da zischelten und züngelten folgende Worte nach ihr hinüber:
»Aber vorher muss man jung gewesen sein, Estella Brand, vorher muss man aufgejubelt haben und aufgeschluchzt, man muss die Arme ausgebreitet haben vor Sehnsucht und Seligkeit, – es muss sich der junge Leib gewunden haben vor Schmerz und Lust und mit trunk'nen Sinnen muss er geliebt, genossen und vergessen haben – gleichviel, um welchen Preis!«
Estella war still geworden. Dann sah sie nach ihrem Leben. Da waren lauter Gärten mit schönen stillen Blumen und der Ruhe eines Sonntags; aber von alledem war nichts darin. Langsam suchte sie zurechtzukommen und endlich hub sie an:
»Nach Abschluss meiner Erziehung kam ich mir vor wie ein fein säuberlich zusammengestutztes, kreisrundes Bäumchen, das man in den Garten – von Serenissimus etwa – stellt, an dem kein Blatt und kein Zweiglein daneben stehen darf und an dem in Zukunft geschminkte Frauen auf hohen Absätzen und Männer mit gepuderten Locken und parfümiertem Taschentuch vorbeitänzeln und ihrem korrekten Empfinden dadurch Ausdruck geben werden, dass sie sagen: ›Dieser Baum ist schon zugeschnitten; es ist eine gute Arbeit.‹ Ach, und ich wäre so gern ein Baum geworden, der draussen stehen durfte – auf der Haide zum Beispiel – und seine Zweige ausdehnen bis in den Himmel hinein und wachsen wie er wollte.«