»Sie werden froh sein, dieser Idylle zu entkommen«, rief ihm Estella nach und lachte hinter ihm her – und alles lachte mit ihr hinter ihm her, das Haus, der Garten – –
»Es ist doch ein recht boshaftes Mädchen«, dachte er ärgerlich im Gehen. –
Aber alle Tage ging er nachdenklicher.
Wieder einmal sassen sie beisammen. Das Wetter war nicht so schön heute, denn es war schwül und fing auch alsbald zu regnen an. Sie packten die Malsachen zusammen und trugen sie ins Haus; dort wollten sie warten, bis es aufhörte.
»Kommen Sie«, sagte Estella, »wir schauen indessen da beim Fenster hinaus; ich habe das Regnen so gern.«
Das Fenster lag gegen Westen; man sah über die grünen Wipfel einer Baumschule weg, hin an die alte graue Stadtmauer mit ihren teils vermauerten, lange ausgedienten Schiessscharten. Hinter ihr ragte nur ein einzelnes, sehr hohes Giebelhaus mit schiefem, etwas eingesunkenem braunen Dache und der Kirchturm empor. Der graue, schwere Himmel stand still und nahe über der Erde. Es war überall ganz ruhig, dass man den Regen auffallen hörte. Er rieselte hastig herunter, platschend aufschlagend auf den Blättern der Bäume. Er gurgelte hier durch eine am Hause angebrachte Rinne und fiel plätschernd in das aufgestellte Regenfass darunter, er trommelte dort auf einige leere, draussen stehen gebliebene Giesskannen und tropfte vor ihnen eintönig und gleichmässig herunter vom Dache. Es war ein warmes, eiliges Regnen, das sich schickte, fertig zu werden, um der Sonne Platz zu machen, die schon hinter den Wolken hervorblinzelte und wartete.
Sie sogen den frischen, erquickenden Duft der dampfenden Erde ein, sich zusammen aus dem Fenster lehnend, dass ihre beiden Oberarme sich fest aneinander pressten.
Allmählich liess draussen das Regnen nach und hörte endlich ganz auf. Auf den jungen Birnbäumen drüben in der Anpflanzung tropfte es melancholisch von Ast zu Ast, von Blatt zu Blatt; es war ein sanftes Gleiten, ein Abgeben und Aufnehmen, ein entlastetes Sichindiehöheheben und ein beschwertes Hinuntersinken in den nassen Blättern und Zweigen. Unentwegte Bewegung in den triefenden Bäumen, obwohl die Luft ganz stille stand. Estella war tief versunken. Aber als sie dieser Versunkenheit nachging, sprang sie hastig auf und trat zurück aus dem engen Fensterrahmen.
Langsam verliess sie das Fenster und ging aus dem Zimmer, in das das Westlicht so freundlich schien, durch eine offenstehende Türe in den angrenzenden, dunkleren Raum, wo in schwerem Ernst tiefrote Vorhänge von den Wänden hingen und auf dem rotausgeschlagenen Fussboden ein streng elegantes Mobiliar stand.