Sie trat zum Klavier, schlug den Deckel auf und begann ein ganz einfaches Volkslied zu spielen. Die schlichte Melodie flog leicht auf; sie kam aus einem vollen, liederfreudigen Herzen.
Makassy, der ihr nachgekommen war, trat zu ihr und sang dazu; da wurde es ein ganz anderes Lied. Estella erkannte es kaum wieder und erregt bat sie ihn, mehr und etwas anderes zu singen.
Er hatte eine vibrierende Stimme, biegsam und hart, wie das Lied es erheischte; es war kein eitles Singen, denn nie opferte er auch nur einen Ton oder ein Zeitmass seiner Stimme. Geschlossen, von grossartiger Auffassung getragen, erhob sich der Gesang, unbekümmert um sie.
Das war ein Singen! Ein innerliches, heisses! Ein schwer gebändigter Strom von Leidenschaft rauschte in den rasenden Tempi dahin; ein verhaltenes Glühen und Sehnen stand hinter den stilleren Melodien; ein qualvoller Schmerz schrie aus zerrissenen Klängen, jauchzende Lust wirbelte voll bacchantischen Taumels in trunknen Kadenzen dahin!
Und alle die Töne rauschten verwirrend in eine stille, einfache Mädchenseele. – –
Die Zeit war wie im Traum verflogen. Als sie endlich geendet hatten, stand Estella auf, wendete sich ihm zu und suchte aus sich herauszukommen – aus all' diesem neuartigen Stürmen und Drängen.
Beide sahen sich forschend an, doch verbargen sie sich ihre Seelen.
Plötzlich entglitt der Deckel des Klaviers den zitternden Händen des Mädchens und fiel dröhnend zu.
Sie waren froh darüber, denn der brutale Ton des zuschlagenden Deckels fiel erlösend in ein banges Schweigen. Estella nützte sogleich diesen günstigen Augenblick und sagte:
»Das war Musik, was ich eben gehört! Wie klein ist meine Art zu musizieren! – – Und wer so mutig sein kann!!«