Gelangweilt gähnend erhob er sich jetzt, den Ärger und damit die Aufmerksamkeit der jungen Mädchen zu erregen.

Sie kamen indessen hart an ihm vorbei; weisse, rote, blaue Kleider, frische Gesichter voll Jugendlust, braune und blonde Haare, die im Abendwind flogen. Da gähnte er noch einmal, weil sie gar so reizend waren und er sich zu wenig beachtet fühlte. Es hatte Erfolg. Als sie es hörten, machten sie hochmütige Gesichter – denn ihr Lärmen sollte doch auch geheissen haben: »Hellauf! Wir sind da! Platz gemacht!« Und ein blondes, schlankes Ding sah erstaunt zu dem ungalanten Fremden hinüber, der so wenig Art zeigte und guten Geschmack.

Wie es so in beginnender Dämmerung schon an ihm vorbeigeschritten, den Kopf ein klein wenig zurückbeugte, sah es in dem Duft ihrer Jugend und Zartheit wie ein flüchtig in die Luft gehauchtes Bild aus.

Die Mädchen waren vorüber. Das Lachen verhallt. Die heitern Farben erloschen. Und die Schatten, die hinter den Büschen und Bäumen hockten, krochen hervor, wuchsen ins Riesenhafte und wälzten sich über das ganze müde Land.

Der Fremde war nun doch überrascht gewesen von dem reizvollen Anblick. Schönheit, in welcher Form sie auch kam, war es allemal wieder, die sich leise zu den freundlichen Geistern in seiner Seele schlich und sie weckte. Auch diesmal. Doch nur auf kurz, dann schauten wieder die alten, hässlichen, kalten durch seine Augen, wie zuerst.

Langsam schritt er nun in der Richtung zu, wo die fröhliche Schaar verschwunden war. Es ging an den Buchen entlang, durch einen dünnen Tannenschlag den Hang hinunter, wieder über Wiesen, die anstiegen, und schon sah man hinter dem nächsten Hügel einen stattlichen Kirchturm aufragen. Er ging rasch weiter, die Anhöhe hinauf. Die einsame Landschaft war gewaltiger geworden mit jedem Augenblick – sie kam hinter ihm her und trieb ihn dazu.

Nun lag vor ihm in tiefer Dämmerung die kleine, einst berühmte alte Stadt, die er aufsuchen wollte. Die vielstöckigen Giebelhäuser, schon ein wenig altersschief, waren umfriedet von einer mittelalterlichen Mauer voll seltsamer Tore und Türmlein; ein breiter Wall umzog sie, in dessen sumpfigem Graben einst mancher Feind in kriegerischen Zeiten seinen Tod gefunden.

Damals gab es hellere Köpfe im Lande und schnellere Füsse. Da gab es zu tun, da musste man sich drehn. Wunden stillen. Lieder singen. Lorbeer winden. – Und über all' dem Wandelbaren inmitten der Häuserreihen stand von altersher in stiller Majestät die hohe gotische Kirche und besann sich, zu welcher Zeit die Menschen am meisten unter ihr Dach gelaufen kamen.

Wie dieser Dunstkreis einer belebten Stadt ihn anzog, wie das Bewusstsein baldiger Gemeinschaft ihn wohlig durchrieselte! Und als er nach kurzem Wandern durch eines der alten Stadttore eingetreten war und ihm vollends aus der geöffneten Tür eines erleuchteten Gasthofes ein Bild bunten Lebens in Farben und Klängen entgegenschlug – da sah er mit Mut in die grosse einsame Landschaft da draussen zurück.

Bei seinem Eintritt in die saalartige, dichtgefüllte Gaststube war es einen Augenblick ganz ruhig. Etwas wie leichtes Erschrecken war durch die Reihen gefahren, wie es das erstmalige Ansichtigwerden eines neuen Gesichtes so gerne mit sich bringt, besonders in den gewohnheitsschläfernen Augen solcher Kleinstädter.