Rasch und blitzend war der Kopf auch, von anderm Geiste als der ihre; – dunkelhaarig, und von nervösem Ausdruck das Gesicht, schlank und geschmeidig die Gestalt. – Die Kleidung war die eines verwöhnten Grossstädters, doch ohne Bedacht getragen.
Ein neugieriges Schauen rings in der Runde, indessen er Platz nahm und mit vornehmer Art zu speisen begann, – bis er dann schaute und die Anwesenden betrachtete. Da waren alle die Blicke mit einem Mal aufgefahren wie ein Mückenschwarm und hatten sich ringsherum, anderswo niedergelassen.
Seine Betrachtungen lohnten sich nicht besonders; lauter Alltagsgesichter, geworden und befestigt in einer vergessenen kleinen Stadt, in einer toten, ereignislosen Zeit, in der so recht der Werkeltag des Lebens allem sein nüchternes Gepräge verleiht.
Blos da drüben ein anziehenderer Tisch voll Jugend – ei! Das waren ja die lachenden Mädchen wieder! Das eine dunkle mit den schweren Augen, das andere mit dem runden Gesicht, den aufgeregten Backfischwangen und braunen, prallen Zöpfen um den lustigen Kopf und dort das mit der weissen, milchigen Haut – die Zukunftsfreude und Daseinslust lugte ihnen aus allen Taschen und Falten.
»Wo ist denn Estella?« rief jetzt der Backfisch und fuhr vom Sessel auf und alle andern mit und sahen nach allen Tischen – aber sie war nicht im Saal. Da gingen einige sie holen und es währte nicht lange, so traten sie mit ihr ein. Eigentlich war es nur eine, die eintrat, denn die andern schoben sich ungesehen neben ihr zur Türe herein. Alles sah nach Estella. Wie besonders sie war!
Des Fremden Auge leuchtete auf und er erkannte befriedigt das zarte Bild des blonden Mädchens wieder, das da draussen bei den Buchen nach ihm umgesehen hatte.
Es kam mit ihr etwas Erfrischendes, eine köstliche Atmosphäre in das dumpfe Lokal. Es wehte förmlich von ihr weg, wie wenn schnee- und reifbehangen man von draussen in die warme Stube kommt und denen drinnen ein Stück des frischen Winters mit hereinbringt. Nur dass sie den Lenz mit sich gebracht!
Er hing ihr von den Haaren und lachte ihr aus dem Antlitz. So etwas Frühlingshaftes hatte er nie gesehen. Ihm fielen die herben Gärten ein, die schon voll von Blüten stehen und da und dort noch Schnee in ihren Winkeln haben.
Schade, dass nicht das Schleiergewand von Boticelli's Frühling den schlanken Leib umwehte, dass die verschnittene Tracht unserer Zeit falsche Linien schuf, dass schwere Schuhe die zarten Gelenke umzwangen und ein modischer Hut auf dem feinen Kopfe sass.
Das Mädchen fühlte den Eindruck, den es hervorrief, und die Art wie es sich auf einen Stuhl niederliess, war fast ein wenig eitel. Langsam nahm es den Hut ab, wie jemand, der eine Überraschung in Vorbereitung hat. Es war auch eine, denn um wie viel schöner war das Mädchen ohne den! Unter ihm hatte das gefesselte Haar tausend feine, rotgoldene Fäden gesponnen, die nun gross taten und Feuer schlugen und gerne dabei sein wollten, solchen Festtagsglanz noch zu erhöhen.