Jetzt konnte man das Gesicht ganz deutlich sehen. Nichts absolut Schönes oder gar Klassisches. Stille, graue Augen, eine feste, mutige Nase, ein frischer, intelligenter Mund mit guten Zähnen und eine rosige Haut. Daran war ja nichts Ausserordentliches, sondern das lag im Gesamteindruck, im Ausdruck der Reinheit, der Unberührtheit, des Jungen, der lichten Zartheit.

Nun, als Estella sass, fing sie laut und lebhaft zu sprechen an – lustiges Zeug, über das man lachen musste – und auch sollte. Aber der innerliche Reiz, der so bestrickend für den in Betrachtung Versunkenen über ihrer Erscheinung lag, war verschwunden. Der Traum war aus. Der Traum, der sekundenlang den einsamen Mann umfangen hatte. Es fliegt eine Künstlerseele so leicht von der Erde auf! Hier war ein hübsches Mädchen, wie viele andere – wozu die Andacht? Sie ärgerte ihn. Und dennoch konnte er seine Augen nicht abwenden.

Bei jedem Menschen, der ihm das erste Mal in den Weg trat, hatte er das bestimmte Empfinden: der kommt in Betracht, der nicht. Auch hier. –

Die Zeit verstrich schnell in dem stetigen Hin und Her der Gäste. Es wurde gelacht und gespielt, getanzt und gesungen. Manch einer sang ein lustiges Lied, mancher ein trauriges. Aber der wurde ausgelacht. Man mochte nichts wissen von Ernst und Feierlichkeit. Die Mädchen wollten lachen und tanzen und ein wenig laut sein dabei.

Immer ausgelassener riefen sie nach der Musik, die zu langsam sei, und sie wollten sich schneller drehn.

Da trat, ohne etwas zu sagen, der Fremde an's Klavier, dass es das erschrockene Fräulein davor jäh aus seinem behaglichen Rhythmus riss und es eilig aufstand, ihm Platz zu machen.

Er fing zu spielen an. Alles horchte. Das war eine Tanzmusik! Die sprang auf, so trotzig und boshaft, rannte den Takt und die Regeln über und über, – stand jetzt stille und wirbelte dann plötzlich in rasender Schnelle dahin. –

Das war eine seltsame Tanzmusik – aber lustig und feurig wie keine! Die hatte gezündet und fortgerissen und es war ein Schleifen und Beben und Schwanken und Dröhnen! Die Paare rasten durch die Luft, Staub flog auf, Röcke flatterten, verfingen sich und wurden lachend losgerissen, Wangen glühten, Augen blitzten und dem Backfisch flogen die Zöpfe hoch vom Kopf; ihm kam so etwas Wildes gerade recht. In stillem Entzücken glänzten die Mütter dazu, nur die Väter schüttelten die ernsten Köpfe.

Die Blondine war auch sehr ausgelassen; es stand ihr aber nicht: sie verdarb ihre Art und als sie eben erschöpft und atemlos ihren Tänzer entliess und sich nach einem Ruheplatz umsah, begegnete sie mitten im Getümmel einem Blick des Fremden, der fest und durchdringend auf sie geheftet war. Dieser Blick durchschnitt gleichsam die heisse Atmosphäre kalt und hart wie Stahl. Und da die Musik in diesem Augenblick innehielt und mit ihr sofort alles andere Lärmen, so half die allgemein plötzlich stockende Bewegung wirkungsvoll dabei mit.

Es sträubte sich quasi der ganze Saal und lehnte sich auf ob des feinen Mädchens uneigener Art.