Estella erschrak, wurde stiller, erschrak darüber noch mehr und beeilte sich wilder als zuvor herumzutollen. »Es ist wirklich albern!« sagte sie, gerade am Klavier vorbeiwirbelnd, sehr laut und vernehmlich zu ihrem Tänzer; aber der wusste nicht was und hat es auch nicht erfahren. –
Es war sehr spät, weit über Mitternacht, als Alles aufbrach. Väter, Mütter, Alt und Jung verliessen den Gasthof und gingen müde nach Hause.
Estella Brand, die bei einem Verwandten, dem reichen Privatier Brand, in dem kleinen Städtchen zu Gast war, wohnte ausserhalb der Stadtmauer in einer vornehmen, kleinen Villa. Dort verbrachte sie viele Monate jedes Jahr, meist Frühling und Sommer, und freute sich, da zu sein.
»Onkel«, rief sie lachend jedesmal bei ihrer Ankunft, »jetzt lege ich mich unter Deine Rosen und schlafe die Grossstadt aus!« Und der alte Brand lachte mit und war froh, dass in seinem schönen Garten eine so passende, feine Gestalt war. Er liebte sie sehr; zuerst kam auf der Welt sein Bruder, ihr Vater, ein grosser, einsamer Mensch und Gelehrter, dann sie in seinem Herzen.
Als sie nun heute ihrem Onkel Gute Nacht gesagt hatte, ging sie in ihr Zimmer und schaute noch lange in die stumme Maiennacht und in ihre eigene Seele. Sie mochte es immer so gerne haben, dass, wenn sie sich abends zur Ruhe legte, alles glatt und eben in ihr war, was der Tag gebracht. Aber heute lag die Ebene nicht so weit und übersehbar da, als sonst. Sie tastete in sich herum und fand sich nicht so klar und dachte an den merkwürdigen Abend, ihr auffälliges Benehmen, an den Fremden, sein bizarres Spiel und seinen herausfordernden, seltsamen Blick. Während sie sich langsam entkleidete, gelitten ihre Gedanken weg, zu dem jungen Forstmann hin der sie seit langem liebte und ihrem Wankelmut und all ihrem Jungsein geduldig zusah und es gerne abwarten wollte.
Sonst hatte sie oft gespöttelt über diese Treue, dass gar so schnurgerad sie sei, – wie eine lange Landstrasse, ein wenig reizlos und ohne Spannung. Aber heute beruhigte sie der Gedanke an diese Liebe; es war eine Zuflucht zu etwas Festem, Starkem.
Für einige Tage später ward ein grosser Ausflug geplant, an dem sich die Gesellschaft des ganzen Städtchens beteiligen sollte. Es waren Wagen bestellt und man hatte sich eine Fahrt tief ins württembergische Land hinein vorgenommen, zu einigen, weitberühmten Ruinen, da die Stadt unfern der Grenze gelegen war.
Am frühen Morgen, noch angetan mit warmen Kragen und Mänteln, versammelten sich alle bei einem der alten Türme der Stadtmauer.
Wie erstaunte Estella, als der Fremde von neulich unter den Anwesenden war. Er hatte sich bekannt gemacht und schloss sich der Partie an. Sein Name war Leo Makassy; er war Maler und zwecks Studien hierher gekommen.