Stunden waren so vergangen, als plötzlich heftig an der Klingel der Gartentür gezogen wurde. Sie schreckte zusammen und horchte gespannt auf den schlürfenden Schritt der Dienerin in dem Kies des Gartens, dann auf das Klirren und Aufsperren der Schlüssel und auf die ersten Worte eines kommenden Gesprächs. Als sie aber dessen ruhigen Gleichlaut vernahm, strich sie liebkosend über die Tasten, weiter zu spielen, weiter zu träumen, neuen Offenbarungen zu lauschen.
Doch bald sollte sie wieder unterbrochen werden, denn die Alte kam ins Zimmer und brachte ihr einen Brief für sie.
»Fräulein Brand eigenhändig zu übergeben.« Die Hausfrau des Herrn Malers habe ihn gebracht.
Da musste sie die Hand aufs Herz pressen – was wollte er von ihr? Eilig schloss sie das Klavier, sah mit halben Gedanken nach, ob Alles in Ordnung sei, rief der Alten Gutenacht in die Küche hinein und eilte in grossen Sätzen die Treppen hinauf, nach ihrem oben gelegenen Zimmer. Die Häuslerin war aus der Küche herausgekommen und sah nach dem Fräulein; ihr Gesicht schillerte förmlich von eben in Empfang genommenen Neuigkeiten, aber niemand nahm sie ihr ab.
Das Mädchen entkleidete sich mit zitternden Händen. »Zu dumm, dass ich zittere«, dachte sie, »ich weiss gar nicht warum,« und legte sich auf das einsame Lager; – jetzt erst wollte es den Brief lesen, ganz ungestört, durch nichts unterbrochen, – und nichts mehr um sich haben wollte es als die schweigende Nacht und ihre eigenen stillen Gedanken.
Als eine halbe Stunde später die Haushälterin an der Zimmertür vorbeikam, hörte sie drinnen ein bitteres Weinen.
Am anderen Tage war Estellas Wesen gesättigt von einer weichen, versonnenen Melancholie. Die stellte sich neben sie; sprang mit ihr über die Stiegen hinauf, setzte sich behaglich mit ihr in den alten breiten Lehnstuhl, der in der Veranda stand, und schaute mit ihr über den Garten weg auf die Strasse, wo die Menschen so werktäglich – ahnungslos vorübergingen. Diese Melancholie war eigentlich gar nicht traurig.
Im Hause gab es allerlei zu tun und dazwischen zog sie immer wieder den Brief aus der Tasche und las und las. Wie hinreissend er schrieb! Aber es war die traurige Geschichte eines schweren Lebens, die sie hier zwischen den feinen Fingern hielt. Es stand da von seinem Vater, der einem alten, hochangesehenen Geschlechte entstammte und die glänzenden Güter, die an der ungarischen Grenze lagen, durch einen leichtsinnigen Lebenswandel herunterbrachte, – von seiner Mutter, die ihr qualvolles Leben zu übertönen suchte mit rauschenden Festen und schreiendem Prunk und endlich selber darinnen unterging.
»In dieser ›Welt des Scheins‹ wuchs ich heran«, schrieb er, »und meine junge Seele irrte umher und verfehlte in bangem Suchen den rechten Weg. Noch manchmal spähte sie aus nach ihm, aber sie fand ihn nicht – und bald auch spähte sie nicht mehr, bis – Dich – lass heute so Dich nennen, Estella, – ich fand!«