Das beglückende Bewusstsein solcher Unentbehrlichkeit gab ihr, all ihrem Tun und Denken eine feste, zuversichtliche Richtung. Sie sah ihr Leben wertvoller werden; über der nächsten Zukunft lag ein schönes Streben; und an jeder kleinsten Arbeit hing ein grosses Stück von dem neuen Werte.
»Heute ist Montag, der grosse Montag der beginnenden Arbeitswoche des Lebens, Beginn der Lebensarbeit – soll das schön werden!« dachte sie.
Diesen Nachmittag ging sie ihm entgegen, das erste Mal seit er kam. Fest und mutig. Als er aber ihre Hände wild und heftig an seine Lippen riss, erschrak sie dennoch ein wenig. Ihrem Innern durfte man nicht voraneilen, da durfte man nichts überspringen, es musste der ganze weite Weg Schritt für Schritt von innen heraus gemacht werden.
Doch sie sollte nichts zu fürchten haben; mit keinem Worte erwähnte er den Brief, mit keinem Blick trat er ihr zu nahe. –
Glücklich setzten sie sich zur Arbeit.
In solchen Stunden flogen die Farben nur so auf die Leinwand und das Werk schien in köstlichem Gelingen der Vollendung entgegen zu reifen.
Sie trugen sich gegenseitig auf Händen. Über ihren Gesprächen lag ein heimlicher Glanz. –
So blieb es viele Tage; bis einmal seine lauernden Sinne, die eine stetige Angst vor der Haltlosigkeit dieses Zustandes verschärfte, verstohlen das Mitleid durch ihre Wärme gehen zu hören glaubten. Da war die schöne Ruhe mit einemmal zerstört und er fing an, hart und hochmütig aus seinem Leben zu erzählen, insbesondere solches, was dartat, wie selbständig und unabhängig er sei, wie um nichts er bettle, lieber entbehre und wie er um nichts bedauert sein wolle.
»Armes, verhetztes Tier,« dachte Estella mit überschwellendem, mütterlich-warmem Empfinden, »lass Dir doch helfen! Kein wärmerer Freund im Leid als das Mitleid!«
Hass oder Liebe, dass seien die Elemente seines Lebens, das seien Fürstenthrone – zwischendurch dränge sich das Gesindel.