Einmal nach diesen Tagen hatten sie mit dem Onkel einen grossen Spaziergang gemacht in der weiteren Umgebung der Stadt. Sie gingen auf den Höhenzügen den reichen Waldungen zu.
Der Mai war längst zu Ende und das Getreide stand schon hoch auf den Feldern. Ein leichter Wind wehte über die schimmernden Ähren weg und ein schwaches Wogen entstand auf den Hügeln – den stehenden Wellen der Erde. Die niederen Dörfer waren versunken in einem Meere von Fruchtbarkeit und schwimmend lagen auf ihm die braunen Dächer der Häuser.
Auch über die Bäume weg fuhr sachte die bewegte Luft und ihre Zweige erbebten und ihre Blätter legten sich zitternd um und schlugen leise klingend an einander. Schmetterlinge gaukelten über die Wiesen hin und die Gräser und Blumen alle wiegten auf zarten Stengeln ihre Knospen und Sterne und Glocken wohlig im Wind. Darüber wölbte sich weit und hoch das Firmament und glänzende Wolken zogen in seiner tiefen Bläue stetig dahin.
Die drei schritten langsam durch diese schöne Welt. Der alte Brand gab in lauten Worten seiner Bewunderung Ausdruck, Makassy und Estella sagten nichts. Einmal blieb das Mädchen stehen, so recht erfüllt. Es hielt Gottesdienst in seinem Herzen, dabei hatte es das Gehen gestört.
»Siehst Du nicht die Tränen, die über der Erde liegen?« frug sie plötzlich Makassy, »die musst Du sehen lernen, Weib, dann kannst Du ganze Schönheit schauen, der Erde ganzen, qualvoll-wehen Reiz!«
»Bei mir ist das einfacher,« antwortete Estella, »hier ist die Welt, hier bin ich – dazwischen liegt nichts. Ich schaue nur – – Du komplizierst sie und zerstörst Dir ihre grosse, einfache Linie. Will Dir das Einfache nicht genügen oder kann es Dir nicht mehr genügen?! Dann allerdings wirst Du bald am Ende sein. Überfordere das Leben nicht!! Entkräfte es nicht!! Komm,« rief sie abbrechend, »komm, die Rosen blühen!«
»Die morgen welken,« erwiderte er. »Siehst Du Estella, das ist so arm, so einfach: die morgen welken, – darum muss ich multiplizieren, muss vertausendfältigen im Genuss, darum muss ich heute im Genusse sie zerstören! Ausleben – Schönheitstaumel .... selbst ausleben, selbst zu Ende leben – wollüstiges Willenswerk! Sich nicht zu Ende leben lassen – Ewigkeitstat!«
Sie überlachte es und sagte: »Ich hatt' einmal einen Traum, den will ich Dir erzählen: Es war ein schönes, grünes Land, weit und herrlich. Ein König nannte es sein Eigen. »»Du reicher König,«« dachte ich »»der Du ein so schönes Land hast.«« Aber er selber war nicht darinnen – es genügte ihm nicht. Dann kam ich in sein Schloss. Da blitzt' es und gleisst' es vor Pracht, dass das Auge erbebte. Dort sass der König, »»Du verwegener König,«« dacht' ich, »»der Du Dir solch ein Schloss über die Welt gebaut.«« Er aber – verblendet und krank – schaute hinaus ins Land, das, grau und trüb, ihn dieses bunte Schloss erbauen liess; – noch grauer und noch trüber erschien es ihm jetzt. »»Du armer, armer König.«« dachte ich jetzt und weinte.«
»Urgesunde,« sagte Makassy, »mutig ist Dein Lachen und weise Dein Märchen!«
Sie gingen weiter.