Ausser der Bewegung, die der Wind schuf, rührte sich nichts allumher. Ein einziger dunkler, grosser Vogel hob sich mit weiten Schwingen in feierlichem Kreisen in den Äther auf und verschwand endlich hoch oben als ein kleiner, schwarzer Punkt in den Wolken.

»So ist das Auffliegen des Menschengeistes, der auf der Erde gross erscheint und zusammenschwindend sich dem Ewigen naht,« dachte Estella, – doch das Lachen der Erde rief zurück aus den Fernen und ihr Auge blieb auf dem sonnigen Wiesengrunde liegen.

Da lag die Schöpfung in Unschuld. Zwischen Rotbuchen- und Haselnussstauden und graugrünen Wachholderstöcken standen stolze hohe Königskerzen, Büschel weisser, blanker Margeriten, zitternde Federnnelken und dazwischen schickte ab und zu hart vom Boden weg eine niedere Genziane, einem Aufschrei gleich, ihr in Not erstarktes Dunkelblau. Doch mit gleichem Kosen glitt ein goldnes Sonnenwerben von den Königskerzen bis zu ihnen hin.

»Aus diesen Blumenwesen müssen gute Gedanken kommen und über die Erde ziehen« sagte Estella, »was haben sie schon frohe Poesie zu den Menschen geschickt – –«

»Weil sie unwissend sind« fiel er dazwischen und zitierte mit fast boshaftem Behagen die Verse vor sich hin:

»Blumen, ihr ahnt nicht mit eurem Duft,
Dass ihr erblühet auf einer Gruft.
Euer Standort, der Hügel, der ist ja nur
Eine tote Welle erstarrter Natur.
Ihr selber müsst sterben, wie alles dereinst –
Mein Liebchen, auch wir – mein Liebchen, Du weinst ...«

Sie schwieg; sie wollte nicht hören. –

Bald darauf umfing sie der Wald; er begann hier sehr jäh. Da war noch die sonnige Halde und dort schon standen die trotzigen Tannen in finster geschlossener Reihe. Es gibt oft ein so allmähliges Übergehen in den Wald, wo zuerst Büsche und Sträucher vermittelnd und vorbereitend entgegenkommen und uns sachte hineingeleiten – aber da war es wie das Eintreten in einen Dom, in dem man mit einem einzigen Schritte aus grellem, buntfarbigen Leben stehen kann.

Makassy stand im Walde und wandte sich nach ihr um, die sie noch draussen war im Sonnenglanz. Doppelt erschien sie durchleuchtet, von der Sonne und der eigenen Seele. Das rosige Tüllgewand, das sie heute wieder trug, und das lichte Haar folgten leise der Richtung des Windes wie die Blüten alle um sie her. Es war ein gemeinsames Flattern und Fliegen und Neigen nach vorne, denn der Wind ging dem Walde zu und nahm die leichten Falten des Kleides, die entfesselten Wellen des goldenen Haares und die erschrockenen Köpfchen der Blumen mit sich.

»Schau,« sagte sie lächelnd mit einer solidarischen Bewegung über die Blumen weg, »wir wollen alle zu Dir!« »In die Dunkelheit« rief er und beobachtete ihre Mienen. Aber sie umging die Antwort auch diesmal.