Der Wald um sie her rauschte vor Pracht. In die dunkeln Tannenwälder hatten sich Eichen- und Buchenstände eingeschoben. Es war ein Zittern und Schwanken von Licht und von Schatten, ein irres Hüpfen von Sonnenflecken und -Streifen und -Kreisen ringsum.
Und langsam führte sie der Weg aus diesen lebensvollen Wäldern in einen ganz anders gearteten uralten Lärchenhain, der wie ein vergessenes, stehengebliebenes Stück Welt, das das Sterben übersehen hatte, aus langvergangenen Zeiten anmutete.
Zerfetzte, silbergraue Lärchen standen riesenhoch wie die dräuenden Greise des Waldes auf dem graubraunen, verdorrten Grasboden und streckten ihre dürren, vertrockneten Arme gespenstisch in die Luft. Rötlich schimmerte es durch die Risse und Rinnen der dicken, violetten, zerborstenen Rinde der Stämme und da und dort sickerte eine schwere, grosse Zähre durch sie und rann langsam, langsam zur Erde nieder – oder blieb erstarrt auf ihrem mühseligen Wege stehen. Und mächtigen Adern, die noch ein spätes Leben fristen, glichen die Wurzeln der Bäume, die aus dem Boden gequollen waren und die ein uralter, graugrüner Schimmel umzog. Aus den abgestorbenen, bleichen Ästen ohne Rinde und Laub wucherten weisse und gelbgrüne Flechten und wehten graue, lange Bärte, in denen die abgefallenen, rostigbraunen Nadeln zitternd hingen. Und nur an manchen Spitzen dieser entnadelten, filzig umwachsenen Zweige waren noch einige stehen gebliebene Nadeln, die wie durch die Patina stiller Jahrhunderte zu steifen, blaugrünen Sternchen erstarrt schienen.
Ein Windstoss fegte über den Wald, dass es das verdorrte, gelbe Gras, das wie auf verlassenen Gräbern lag, knisternd in die Höhe hob, dass die dürren Äste klappernd aneinanderschlugen, die modrigen Bärte wilder wehten und ihnen die rostigen Nadeln klingend entfielen, dass ein paar aufflatternde Vögel kreischend den Wald verliessen und ein schwarzes Eichkätzchen erschrocken über den verfallenen Weg huschte.
Die drei Menschen standen ganz klein und verloren in dem hohen, seltsamen Walde.
Das gesunde, furchtlose Mädchen wehrte sich am ersten gegen seine Macht. All' seine Klarheit erhob Protest gegen dies düstere Grauen.
»Sing ihm ein Lied zum Trotz«, raunte es Makassy zu.
Und der schlug innerst erleichtert sogleich ein, langte eilig zurück nach einer der alten, fast vergessenen Weisen – hub zu singen an, wie kein Anderer singt – – und sein Lied zitterte heiss und hastig durch den toten Wald. Es schlüpfte zwischen den dürren Ästen durch, streifte die alten, vertrockneten Bärte, lief über die knisternden Grashügel weg, flog zu den kahlen Wipfeln hinauf, huschte durch die Moose und Flechten und sprang über den verlassenen Weg.
| Es rast im Tanze |
| Das wilde Weib. |
| Es lockt im Glanze |
| Ihr schöner Leib. |
| Züngelnde Locken |
| Umspielen die Brust. |
| Rundum hocken, |
| Entfacht in Lust, |
| Männer und Frauen, |
| Die trunken schauen. |
| Alle die Lichter |
| Schieben sie nah, |
| Gier'ge Gesichter |
| Man da sah. – |
| Doch auf einmal – o Entsetzen! – |
| Löst sich der Schleier |
| Und die Fetzen |
| Fangen Feuer! |
| Alle johlen, |
| Nur einer stürzt hin. |
| Der musst' verkohlen |
| Samt der Tänzerin. – |
| Wer voller List |
| Blos hat geschaut, |
| Entkommen ist |
| Mit heiler Haut. |
Sie hatten den Wald vergessen. Sie waren voll des Liedes.