Makassy schien in der Ferne zu sein. Estella lauschte mit angstvoll gespannten Sinnen weit über das Lied hinaus. Da war etwas, das sie erschrecken liess; etwas Wildes, Dämonisches, zu dem sie sich nie erheben konnte. Da war etwas Ursprüngliches, Elementares, das ihr fehlte, eine glühende Sinnlichkeit, die sie nicht kannte.
Da war ein Strom, stolz und grossartig, der sich durch Felsen brach – hier ein dünnes Bächlein, das verzagt um alle Steine lief. –
Brand ärgerte sich über das Lied, an seiner faktischen, praktischen Natur scheiterte dessen Poesie; auch genierte ihn dieses nackte Frauenzimmer, das da so zügellos um ihn – den Privatier Brand – herumhüpfte.
Als sie endlich den Wald verliessen, war es spät geworden und leichter atmend betraten sie die freien Höhen.
Es schien fast, als wollte an diesem Tage die Natur selber sich überbieten in verschwenderischem Geben. Denn sie schickte dem reichen Tage einen märchengleichen Abend nach.
Feierlich langsam rollte die Sonne, die feurige Kugel, die blauschwarzen Hügel hinunter und schickte dann einen Gruss zurück, der das weite, abendliche Land noch einmal weckte aus seinen Sommerabendträumen. Eine blutrote, mächtige Flamme schlug auf am Horizonte und die Hügel alle und die schweigenden Dörfer und Felder und Wälder, die schwer und dunkel in dem Tale lagen, erhoben sich langsam zu einem neuen, anderen, verklärten Leben. Sie waren jetzt wundersam durchglüht und ihr violettes Leuchten warf einen nebligen, flimmernden Schein rings um sie in den weiten, magischen Feuerschein, der wie eine erstarrte Lohe über der trunkenen Erde stand.
So ruhte die grosse, stille Welt in verklärtem Lichte.
Allmählich begann ein langsames Umfärben, bis das tiefe Rot des Horizontes in ein dunkelgoldenes Orangegelb hinübergesunken war und alles weit umher träumte in vergeistigtem Sein.
Jetzt schwebten die Hügel der Erde, immer körperloser werdend, wie verwehende Silhouetten, als hätte das Glühen sie ausgeschmolzen und wesenlos gemacht; – und allumher begannen sich langsam wieder Farben und Lichter zu lösen und verschwanden allmählich in dem dunklen, kalten Weltenraum.
Brand und das Mädchen waren vorausgegangen. Fest und sicher zeichneten sich ihre schwarzen Umrisse in den hellen Horizont. Die Jugend mit den schwellenden, zaghaften Linien; starr und hart das Alter. Hier der junge, werdende Mensch, dort das gewordene, unbewegliche Alter.