Was war an ihrer staunenden Seele alles vorbeigezogen! Wie er empfand und dachte und es wiedergab, das war mit fortreissend und glänzend; er hatte sie durch Länder geführt, weit und grossartig. – Dann wieder hatten sie zusammen geplaudert von den Ländern der Erde, von Bergen und Seen, von Wäldern und dem Meere. Dem Meere zum Beispiel. Da erinnerte sie sich, wie er einmal davon erzählte mit solcher Anschaulichkeit und prachtvoller Gestaltungsgabe, dass sie ein schwankendes Gefühl bekam und erschrocken um sich sah, als stünde sie auf unsicherem Boden mitten in der Flut. Er merkte es und sie mussten beide herzlich lachen.

»Wenn Du nasse Kleider hast«, scherzte er damals, »hänge sie über den Blütenstrauch zum Trocknen und gehe mit mir nackt über die Felder. Du erschrickst? Hältst Du mich für so verdorben, dass es nicht in Reinheit geschehen könnte?«

Einmal hatte sie ihm erzählt, wie schön das sei, wenn man abends im Winter – draussen fällt langsam der Schnee hernieder und seine Flocken glitzern auf der stillen Erde – in warmer Stube bei traulichem Lampenschein sitze und sinne im Reiche seiner Gedanken spazieren gehe, da war er ihr ins Wort gefallen: »Schön nennst Du das, wenn Dir die Lampe über Deinem Hirne siedet, wenn die engen Wände der Stube sich zusammenschieben und Dich zu erdrücken versuchen, wenn die einfältig umherstehenden Zimmermöbel Dich an Dein armseliges Menschsein erinnern: hier sitz'st Du, hier iss't Du, hier liegst Du, hier denkst Du – auf diesem Quadratmeter hier mit dem anregenden Tintenfass – dazu hämmert Dir die Wanduhr zähe Sekunde um Sekunde in die Ohren – – und draussen im Schnee kommt der Nikolaus mit der Rute und entscheidet über Gut und Böse – – – schön, nennst Du das ..... schön, – – ach, Estella, ich bräuchte Königsräume – Paläste!!«

Und in des Mädchens Erinnern war die alte, singende, trauliche Lampe seiner Mädchenstube erloschen.

Wenn er jedesmal gesättigt empfunden hatte, was er zerstört mit grausamer Lust, dann allerdings baute er in masslosem Verschwenden und überschwenglichem Kult ein Denkmal an die leergewordene Stelle, das nur zu unvergänglich in des Mädchens Erinnern stehen sollte. –

Jetzt sahen beide Brand und Thieben aus dem Hause kommen. Estella beeilte sich, aus ihrem Innern herauszukommen, um fest in der äusseren Situation zu fussen.

Zuerst allgemein notdürftige Begrüssung, – dann bat Makassy, weiter malen zu dürfen, was man zuerst nicht verneinen wollte.

Allsogleich drehte sich das Mädchen um, das aufgestanden war und eilte erleichtert der Gartenbank zu; es vergass Thieben gänzlich in diesem Augenblick und wie es sich setzte und niederliess vor dem Künstler in der kindlichen Freude einer wohlbekannten, längst vertraut gewordenen, heissgeliebten Gewohnheit und wie es zu ihm aufsah – das war ein solch restloses Sichwegschenken, eine so grenzenlose Hingabe an eine wunschlose Gegenwart, dass der Forstmann, der Estella nicht aus den Augen gelassen hatte, es mit stummem, rasch um sich greifendem Schmerze sah. Jetzt bemerkte er auch das um einen Schatten trüber gewordene Gesicht und das inwendige Auge, das nicht mehr den sicheren, stets anwesenden Blick von ehedem hatte.

Alles dies sah er.

Der grosse, starke Mann mit dem erzenen Antlitz musste sich schwer auf den Gartentisch stützen – – und dabei versuchte er, sich sein Forsthaus vorzustellen – ohne sie.