Makassy hatte ihn beobachtet; es war ein Schmerz, stolz und stark getragen, das musste er zugeben, und er hielt angstvoll die Geliebte durch Blicke an sich, damit sie es nicht wahrnehmen und in ihrem guten Herzen kein wärmeres Gefühl aufkeimen möge, das er ihm missgönnte.
»Ich meine«, fiel der Onkel in das Schweigen, und es war ihm dabei, als hielte er eine grosse, feierliche Rede, »es wäre doch besser, mit dem Malen heute auszusetzen.« Er hatte Angst, mit Thieben allein zu sein. Und so ergab sich ein freudloses Umhersitzen auf den Stühlen und Bänken, eine gezwungene Höflichkeit, ein kaltes Lachen und verschlossene Mienen – – bis endlich, endlich der Abend kam und der Forstmann sagte, dass er heute noch zurückfahren werde.
Da sass er nun im Wagen, der ihn seiner verödeten Heimat entgegenführen sollte. »Was wird sie für ein Schicksal haben?« dachte er immerzu, als er mit sich selber notdürftig zurechtgekommen war. Er wusste sich keine Antwort oder nur eine trostlose. Makassys Art war ihm fremd, beängstigend, ohne Gewähr, wie gleich das erstemal, als er ihn sah.
Schwerfällig stieg er aus und ging dem hochgelegenen Wohnhause zu, um das es so einsam war und um das die hohen dunkeln Bäume melancholisch rauschten. Dort oben in seinem Hause, in dem Erkerzimmer mit den vielen hohen Fenstern wollte er einst ihr Bild haben, das er sich heute bei dem Künstler erbitten und bestellen wollte. An der hellen, lichtreichen Wand dort hätte es hängen müssen und später einmal, in einem Jahre vielleicht – wären sie davorgestanden, sie beide, Hand in Hand und lächelnd hätte er gesagt:
»Jetzt ist mein einstiges Schmerzenskind auch bei uns, es ist alles so gut geworden.«
Der flimmernde Sternenhimmel spannte sich über die nächtigen Hügel des Schwarzwaldes bis weit fort über die Buchenwellen des Württembergschen Landes und weiter über die kleine, alte vergessene Stadt, in der zwei Menschen auch ruhelos nach ihm hinaufsahen. Nicht in selbstvergessenem Träumen, sondern in bangem Suchen nach einem Ausweg. Beide wussten nur zu gut, dass es so nicht bleiben könne. Der Gedanke an die nächste Zukunft, an die Gestaltung des äusseren Verkehrs oder gar an eine Ehe war ihnen beiden noch nicht in den Sinn gekommen. Ihr Streben und Weiterdrängen lag auf andern Wegen.
Sie hatte ihr ganzes Sein und innerliches Leben still in seinen Dienst gestellt; es sollte dazu sein, ihn über Hemmnisse wegzuführen und dadurch vorwärts zu bringen – und dabei selber an ihm emporzureifen. Und er, er hatte tausend Pläne aufgebaut und tausend umgeworfen, – nur eines hatte er stets gewollt und es war stets das Gleiche geblieben: er wollte seine Seele ausruhen an dieser kühlen, schönen Reinheit – – und dann? Wollte er sich dann mit verdoppelter Lust ihre schlummernden Sinne, ihre ganze Herbheit wach und lebendig küssen – und was dann?
So frugen sich heute Beide in dieser funkelnden Sternennacht, die in erhabenen Ewigkeitsgedanken träumend über der Erde hing. –