»Was ist Dir, Estella?« frug er. »Es war eine seltsame, grüblerische Nacht, nicht wahr? Musst Du Dich auch erst mit dem Tag befreunden, – musst Du Dich des morgens auch erst von neuem an die Welt gewöhnen?«
»Dieser Tage schon«, sagte sie lächelnd, »denn ich werde Dich entbehren müssen. Denke, Onkel will auf einige Tage verreisen, da kannst Du nicht kommen.«
Beide gingen vor jedem weiteren Besinnen zu ihren alten schützenden Haselnussstauden, hinter denen sich schimmernd und glänzend die mächtigen Linden und Pappeln in die Morgenluft hinausdehnten. Sie trugen ihre Liebe aus dem offenen Tage in ein Refugium, denn sie war nicht mitteilsam, nicht laut und heiter.
War das ein Lachen und Lustigsein sonst oft, wenn eine junge Braut in dem kleinen Städtchen war oder ein Liebespaar auf dem Wallweg oder dem Tanzplatz zusammenkam!
Immer mehr hatte sich ein schwerer Ernst über ihre Herzen gelegt und immer erdrückender wurde diese Last. Wenn ihre Augen ineinander lagen, waren sie ohne dies glückliche Festtagsgefunkel junger Liebe, sondern von fast drohendem Ausdruck.
Als ganz junges Ding hatte sie sich die Liebe so lustig gedacht, wie nichts auf der Welt. Schöne Kleider. Bänder. Rosen. Ein lachend Gekose.
Es war anders gekommen. Wenn sie Makassy in den Arm nahm, war die Heiterkeit über alle Berge. Düsteres Ringen; schmerzende Umarmungen. Und dennoch harrte sie ihnen entgegen, wie die herben Frühlingsknospen der Sonne. Aber es war eine sengende Sonne. –
Mit stiller Wärme und Eindringlichkeit, die ihr wertvoller, weil bleibender erschien, frug er nun bei den Haselnussstauden:
»Glaubst Du, dass wir Tage vergehen lassen könnten, ohne uns zu sehen?«
»Es wird aber dennoch so sein müssen, Du kannst nicht kommen in das herrenlose Haus, – und auf den Strassen herumschleichen, das will ich nicht!« sagte sie gepresst.