Und voll Kraft und Freude war sie auf die eignen Füsse gesprungen in dem köstlichen Bewusstsein wiedererlangter Selbständigkeit. Diese entkräftende Benommenheit war gewichen, die ihr jede freie Entscheidung aus den Händen rang. So musste sie nicht – so konnte sie! – – –

Voll schüchternen Jubels eilte sie in den Garten, von da in ihr Stübchen, wieder hinunter in das Musikzimmer – und riss die Türen hastig auf als brächte sie freudige Botschaft, als wollte sie sich zeigen in ihrer neuen, eigensten Gestalt.

»So war ich,« dachte sie »so will ich wieder werden.«

Fast heiter begleitete sie später den Onkel auf den Bahnhof und fand alles auf dem Wege dorthin so fremd geworden und doch so vertraut und es klopfte ihr zaghaft auf die Schultern und frug leise: »Kennst Du mich noch?«

Diese gute alte Strasse mit den frommen Gärtlein zu beiden Seiten und den steifen, braven Laternen dazwischen, – und dort drüben das »Löwenhaus«. Das kleine, ängstliche Häuslein mit der grossen fensterlosen Wand, die einst so festlich schön gelb gestrichen sein musste, deren Farbe jetzt aber in einander geflossen war und als Wahrzeichen einen grossen leuchtenden Flecken hinterlassen hatte, der wie ein springender Löwe aussah. Sie hatten es das Löwenhaus genannt. Und was war am Löwenhaus schon alles! Da traf man sich – alle Jugend – zu einem interessanten Spaziergang, da klatschte man ein wenig in wohligem Einverständnis, da stand man kichernd und verabredete sich zum nächsten Gartenfest, ob die Schleifen im Haar blau seien oder rot, – – es war am Ende alles so gleichgültig – aber was ist es nicht? – doch heiter wars und ohne Arg – und die weisen Gedanken blieben jedem unbenommen.

Sie waren zum Bahnhofe gekommen und bevor Brand in den Wagen stieg, frug er:

»Hast Du mir gar nichts zu sagen und gar nichts mit auf den Weg zu geben?«

Da begriff sie, wohin es ihn trieb. Er wollte Gutes tun, aber sie hatte nichts hinzuzulegen.

Als sie dem Zuge noch eine Weile nachgehorcht, bis er verdröhnte und verhallte, ging sie langsam wieder nach Hause zurück. Immer stiller. Immer trüber. Immer trauriger. All der schöne Jubel war verflogen und die schwere Leidenschaft dieser Liebe breitete allmählich wieder die dunkeln Fittiche aus und verscheuchte das zaghafte Stücklein Sonne, das sie so stürmisch begrüsst hatte.

Wieder war sie in die stille, alte Strasse gekommen, die aber hatte ihren Glanz verloren.