Und hastig nahm er den Schuh wieder aus der Glut und versperrte ihn eilig in einer Schublade ......... Ängstlich sah er um sich – dann nach der Uhr. Es war schon bald neun.
Ob sie kam? – –
Und er ging die Fenster schliessen und die Lichter verhängen.
Spät abends, als es schon dunkel war, verliess indessen ein schüchternes Kind zitternd das ehrliche Haus. Es ging auf den Fussspitzen ganz leise durch den Garten, musste aber stets dazwischen stehen bleiben, um Atem zu schöpfen. »Wie wenn es Berge wären.«
Behutsam öffnete und schloss es die Gartentüre, die sonst so leicht und laut ins Schloss gefallen war und schaute nun zurück über Garten und Haus – als wollte es Abschied nehmen – als ginge da eine, die nicht wiederkam, ein letztes Mal diesen lieben Weg.
Eine unnennbare Sehnsucht schwoll in Estella's Herzen empor nach all der sorglosen Heiterkeit, mit der sie da in ruhigen Stunden gelebt.
Heimlich, wie eine verbotene Liebkosung, irrte ihr Blick hinauf zu den Fenstern ihres Zimmers mit den trauten, blühenden Geranien davor. Wie sie die einst hegte und pflegte. Jedes Knösplein war ein Ereignis. Jede Blüte ein Fest. Und wenn das erste schrille Rot zwischen den grünen Blättern sass und nach ein paar spannenden Tagen die feuerroten Büschel wie Flammen in den Fenstern standen und hundert bunte Gedanken damit – – Gott, was für reiche, einfache Stunden waren das! Die waren alle davongeschlichen als sie der fremde Mann an seine Brust genommen ..... und haben sich im Weiten verloren und nicht mehr zurückgefunden.
Ein kleines Stück war sie weitergegangen, dann wieder stehen geblieben – an der Stelle, wo ihr gestern die Leute ausgewichen waren. Heute sollten die sie sehen, wie sie dahinschlich in dunkler Nacht – allein – den Kopf zur Erde geduckt – da hätten die bösen, eifrigen Zungen das letzte mordende Wort gefunden. Für die freute sie's eigentlich, dass sie es tat – aber es war eine dürftige Freude.
Wie schwer verlässt man ein erstes Mal im Leben den offenen, geraden Weg. Die Sonntagsstrasse, die breite, behagliche mit dem lichtfrohen Lachen und dem billigen, eiteln Putz junger, unversuchter Tugend!